Von Siggi Weidemann

Das Klopfen Regentropfen an die Fensterscheibe übertönt das Lachen, das aus der Gaststube hinter dem Restaurant dringt. Die Schauer gehören in Holland einfach zu diesen melancholischen Spätherbsttagen. Wenn die Kartoffeln geerntet und die Touristen abgereist sind, dann fällt die Landschaft in ihre vertraute Stille zurück.

Auch in der Wirtsstube ist es jetzt einen Augenblick still. Mit halbgeschlossenen Augenlidern beobachtet der Wirt den einsamen Gast. Der überlegt, ob er sich für das „Van-Gogh-Menü“ zu siebzehn Gulden – Tagessuppe, halbes Huhn mit Kartoffeln – oder für den „strammen Max van Gogh“ zu 7,50 Gulden entscheiden soll. Großen kulinarischen Ruhm genießt das „Café Valke“ an der Van-Gogh-Straat nicht. Es ist eine typisch holländische Bierstube mit einem Billardtisch in der Mitte und einfachen Leuten als Gästen. Doch durch die Gedenktafel am Eingang erweckt das Café Aufmerksamkeit: „Hier lebte zwischen dem 6. Oktober und 1. Dezember 1883 Vincent van Gogh“ ist auf das Metallschild graviert.

Den Wegen des Malers wollen wir in der Provinz Drenthe nachgehen, einem Stück niederländischen Königreichs im Detail, quer durch Wälder, Heide und abgeerntete Acker. Von Hoogeveen nach Ruinen, von Nieuw Amsterdam nach Zweeloo.

Hier hat der Maler vor seiner Staffelei gesessen, mit knurrendem Magen und verzweifelt darüber, daß ihm das Geld für die nötigen Farben fehlte. Dennoch – in seinem Zimmer in Nieuw Amsterdam mit Blick auf den Kanal Hoogeveen Vaart schrieb er an seinen Bruder Theo: „Es ist hier ganz und gar so, wie ich es mir vorgestellt habe. Das soll bedeuten, hier herrscht Frieden. Aber ich finde noch etwas anderes schön, und das ist das Drama... Ich glaube, daß ich mein Ländchen gefunden habe.“ 23 Briefe sind aus der Drenther Zeit erhalten geblieben.

Es gibt genug Leute in Nieuw Amsterdam, die den Namen des Malers nicht einmal kennen. Fragt man nach ihm, so lautet die Gegenfrage: „Lebt der noch?“ 1990 jährt sich sein Todestag zum hundertsten Mal. Und deshalb wird der Maler, der in seinem Vaterland zu Lebzeiten verkannt war und dessen Bilder heute zu den teuersten der Welt gehören, mit einer großen Gedenkschau geehrt. Sonderbriefmarken wird es geben, Sonderausstellungen, Theaterstücke und Opern, und Ihre Majestät, die Königin der Niederlande, hält über das ganze Spektakel ihre schützende Hand. Beatrix ist Schirmherrin der „Stifung van Gogh“, die dafür zu sorgen hat, daß die Gedenkfeiern anläßlich des Todestages ein Publikumserfolg werden und das Image des Landes hinter den Deichen weltweit kräftig aufpolieren.

Aber darum kümmert sich in Nieuw Amsterdam keiner. „Da wollen einige Holländer wieder einmal das dicke Geld machen“, sagt der Mann hinter der Theke, „wir haben doch von dem ganzen van-Gogh-Rummel nichts.“ – „Na ja, klingt doch gut – Van-Gogh-Menü“, fügt er dann lachend hinzu.