Das gleiche Problem ging der SPD-Abgeordnete Dietrich Sperling in einer Fragestunde des Bundestages von anderer Seite an. "Hat es", so wollte er wissen, "in den letzten vierzig Jahren längere Zeiträume gegeben, in denen die Spitzenverbände der Wirtschaft nicht über zu hohe Steuerbelastungen von Unternehmen geklagt haben?"

Staatssekretär Friedrich Voss aus dem Finanzministerium wand sich, so gut er konnte. Die Steuerbelastung werde "im internationalen Vergleich als relativ hoch eingeschätzt", beteuerte er, die Bundesregierung denke über Entlastungen nach – was den Fragesteller gar nicht interessierte. "Herr Staatssekretär", hakte er nach, "würden Sie die Güte haben und sich die Zeit nehmen, meine Frage zu lesen und sie dann zu beantworten?"

Voss nahm sich die Zeit: "Herr Kollege, ich kann Ihre Frage, wenn Frau Präsidentin das erlaubt, noch einmal vorlesen, damit Sie wirklich den Eindruck haben, daß ich sie gelesen habe." Frau Präsidentin erlaubte, Voss las – die gewünschte Antwort gab er nicht. Letztlich sprang Gerd Andres seinem SPD-Kollegen bei: "Herr Staatssekretär, können Sie mir ein Jahr in der vierzigjährigen Geschichte unserer Republik sagen, in dem die Spitzenverbände der Wirtschaft keine Forderungen nach Steuersenkungen gestellt haben?"

Das wurde Voss dann doch zu viel. "Ich weiß nicht, Herr Kollege, ob das einer Antwort würdig ist", gab er zu bedenken. Und während sich Andres erboste ("Das verbitte ich mir"), wartet Dietrich Sperling immer noch auf die Antwort, die er sich auch selber geben könnte.

Klaus-Peter Schmid