Der Präsident der Berliner Ärztekammer, Ellis Huber, hat eine Prognose gestellt, die seine Kollegen freuen wird: „Die Öffnung der Mauer wird zu einem Medizintourismus führen und notleidende Berliner Kassenarztpraxen sanieren.“ Noch ist es nicht soweit. Noch sind unsere Landsleute aus der DDR damit beschäftigt, die gefüllten Schaufenster und den ungewohnten Luxus zu besichtigen, wobei sie schwerlich in einen Kaufrausch verfallen dürften, denn dafür reicht das Begrüßungsgeld nicht. Aber es gibt auch manches umsonst. Und bald werden sie feststellen, daß die reiche Bundesrepublik für sie allerlei Gesundheitsleistungen kostenlos bereithält.

Da gibt es seit 1975 ein Gesundheitsabkommen zwischen dem Bundesarbeitsministerium in Bonn und den Gesundheitsbehörden der DDR, wonach im „akuten Krankheitsfall“ DDR-Bürger kostenlose Heilbehandlung bei uns in Anspruch nehmen können. In der Vergangenheit hat das keine große Rolle gespielt, denn die wenigen Besucher wollten ihre kostbaren Tage in der Freiheit nicht beim Arzt oder im Krankenhaus verbringen. Gelegentlich wurden Rezepte für Medikamente ausgestellt, die zu Hause nicht zu haben waren, wurden Rentner wegen akuter Erkrankungen im Hospital versorgt. Doch Bonn hat dafür keine großen Rechnungen begleichen müssen. Mit rund 300 000 Mark jährlich waren die Kassenärzte dabei.

Jetzt, wo die Grenze durchlässig geworden ist, sieht das anders aus. Tagesbesucher aus Ost-Berlin oder der näheren Umgebung können rasch in den Westteil der Stadt gelangen. Und sie benötigen für einen Besuch beim Arzt kein Geld und keinen Kassenschein; akute Beschwerden genügen, und bestehende Beschwerden für akut zu erklären ist nicht allzu schwer. Notfalls können Ärzte auch akute Beschwerden in die Patienten hineinfragen. Und wie sollte ein Arzt überhaupt in der Lage sein, akute Beschwerden bei chronischen Leiden nicht zu akzeptieren?

Gesundheitsökonomen in der DDR haben immer schon über den rasant hohen Arzneimittelverbrauch geklagt. DDR-Bürger haben erfahrungsgemäß einen größeren Appetit auf Medikamente als ihre Landsleute in der Bundesrepublik. Wohl ist zu bezweifeln, daß alle verschriebenen Medikamente auch eingenommen werden, doch mitgenommen werden sie auf jeden Fall, denn sie sind ja umsonst. Die Pille gilt in der DDR noch immer als Signal sozialer Sicherheit. Hoffentlich also schlucken nicht alle Besucher alle hier erhältlichen Pillen; die Nebenwirkungen können gelegentlich unangenehm sein.

Solange das Gesundheitsabkommen zwischen hüben und drüben gilt, werden die Ostberliner, durch Mangelwirtschaft pfiffig geworden, ihren Westberliner Hausarzt und die nächste Apotheke sicher finden. Die Berliner Kassenärzte werden darüber nicht unglücklich sein und gewiß in ihrer Hilfe auch so etwas wie einen Solidarbeitrag für ein gesamtdeutsches Gesundheitswesen sehen. Das ist er nicht, da gibt es bessere Vorschläge.

Einer stammt vom schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Björn Engholm, der sich nach der Übersiedlung vieler DDR-Ärzte wie manch anderer Gedanken um die gesundheitliche Versorgung der DDR-Bürger macht. Viele junge westdeutsche Ärzte sind ohne Stelle. Warum sollten diese nicht in den DDR-Krankenhäusern aushelfen? Sie würden dabei viel lernen, nicht nur Medizinisches. Der Berliner Ärztechef Ellis Huber sieht sogar Sparmöglichkeiten: Unsere aktive Unterstützung des Gesundheitswesens dort kommt uns billiger als die Behandlung der DDR-Bürger im Westen.

Kaum kommt die Freiheit, nehmen sich auch alle die Freiheit, zu rechnen.

Hans Harald Brautigam