Von Holger Jenrich

Man konnte heulen vor Glück, wenn man sie sah. Allan Simonsen hüpfte wie ein Derwisch über ausgestreckte Beine, Herbert Wimmer wirbelte mit heruntergerollten Socken den Kalk der Seitenlinien auf, Uli Stielicke schlug Steilpässe mit der Präzision eines Mathematiklehrers. Und wenn trotz allem nichts mehr ging, hielt Jürgen Wittkamp seinen lichten Schödel hin. Das half fast immer. „In dieser Mannschaft, in diesem Verein gewesen zu sein...“, schwelgt der Verwaltungsangestellte Wittkamp in Erinnerungen, „das waren Sternstunden.“

Nicht nur für ihn. Dem virtuosen Fußballspiel der Mönchengladbacher Borussia zuzuschauen war über Jahre hinweg ein ästhetischer Genuß. Wenn Günter Netzer wehenden Haupthaares und mächtigen Schrittes aus der Tiefe des Raumes kam, wurde Sport zur Kunst. Was Vogts und Heynckes, Bonhof und Koppel und all die anderen unter ihrem genialisch-rebellischen Dirigenten allwöchentlich aufführten, war von hierzulande nie zuvor gesehener Eleganz. Der Lohn des tänzerischen Umgangs mit dem Ball: fünf Deutsche Meisterschaften, zwei Uefa-Cup-Siege, ein DFB-Pokal-Gewinn. Und die Liebe, Verehrung, Begeisterung des Fußballvolks.

Die Zeiten, da die Himmelsstürmer vom Bökelberg der Konkurrenz die Bälle dutzendfach ins Netz setzten und international renommierte Klubs der Lächerlichkeit preisgaben, sind vorbei. Statt des kollektiven Vergnügens macht die Borussia ihren Anhängern derzeit Magenschmerzen. Nach Niederlagen in Serie und einem peinlichen Pokal-K.-o. bei den drittklassigen Amateuren der Kickers Offenbach ist sie zur tragischen Figur geworden: Zum erstenmal ist die Mannschaft die letzte in der Bundesliga-Tabelle. Es herrscht akute Abstiegsgefahr. Geht es so weiter mit dem Katastrophen-Gekicke, tun die Erinnerungen an Netzers Jahrhundert-Tor im Pokalfinale gegen Köln, an die Heynckes-Gala im Enscheder Uefa-Cup-Endspiel, an die 7 : 1-Fete gegen Inter Mailand nur noch weh.

Borussia Mönchengladbach ist ein Verein ohne Skandale. Er wird seit mehr als einem Vierteljahrhundert von ein und demselben Vorstandstrio geführt, hat noch nie einen Trainer hinausgeworfen, ist seit Jahr und Tag schuldenfrei. „In Gladbach ging und geht es korrekt zu“, sagt der ehemalige Spieler Winfried Schäfer, heute Trainer beim Karlsruher SC, „das ist bei anderen Vereinen längst nicht so.“ Sein ehemaliger Kollege Ewald Lienen, heute MSV Duisburg: „Borussia wird eben nicht wie ein Etablissement auf der Reeperbahn geführt.“

Diese Seriosität droht dem Verein nun zum Verhängnis zu werden. Denn die Rechnung, die Geschäftsführer Helmut Grashoff jahrelang erfolgreich aufmachte, stimmt hinten und vorne nicht mehr. Zwar kann er noch immer durch den Verkauf seiner begnadetsten Akteure die Löcher im Etat stopfen, die sich zwangsläufig bei einem Klub einstellen, dem es an einem tauglichen Stadion wie an städtischer Unterstützung gebricht. Doch der Nachwuchs, der die spielerischen Lücken schließen und später dann wieder die Millionen bringen soll, ist nicht mehr aus demselben Holze wie die Vorganger aus besseren Tagen. Die Einstellung vieler Lizenzspieler sei beschämend, ereifert sich der alte Profi Wittkamp: „Vereinstreue und Berufsauffassung sind für die doch Fremdworte geworden.“ Günter Netzer, heute Werbemanager in der Schweiz, sieht’s ähnlich: „Die müssen sich mental viel mehr mit ihrem Beruf beschäftigen, wenn sie da unten rauskommen wollen.“

Geben die einen eher den Spielern die Schuld am augenblicklichen Elend, haben andere in Manager Grashoff den Schuldigen ausgemacht. „Zu Beginn der Saison habe ich es vorhergesagt. Leider ist das ein trauriger Prozeß, einer des Verfalls. Da hat die Vorstandsetage nicht gegengesteuert“, sagt der Mönchengladbacher Oberstadtdirektor Helmut Freuen, der sich mit Manager Grashoff schon manches Scharmützel geliefert hat. Freuen hat Netzer oder den früheren Trainer Udo Lattek für das seiner Meinung nach marode Vereinsmanagement vorgeschlagen. Seither ist es mit der oft gerühmten Gelassenheit in und um Mönchengladbach vorbei. Nationalspieler Michael Frontzeck, zu Beginn der Saison zum VfB Stuttgart gewechselt, nennt die Äußerungen des Oberstadtdirektors eine „Frechheit“.