Von Andreas Kilb

Es gibt viele Eingänge ins Totenreich. Mal ist es ein Garten rings um ein barockes Herrenhaus, ein Schauplatz der Intrigen und der Lust. Mal ist es ein Zoo, ein Laboratorium der Evolution, ein Naturtheater bizarrer, exotischer, gebärender und verwesender Geschöpfe. Mal ist es die Stadt Rom mit ihren Säulenhallen, ihren Kirchen, Palästen und Grabmälern, die ein kranker Architekt im Fieberwahn durchstreift. Mal ist es eine englische Landschaft, in der seltsame Gesellschaftsspiele gespielt und noch seltsamere Morde begangen werden. Diesmal, beim fünften Mal, ist es ein Restaurant.

Das Restaurant heißt "Le Hollandais", "Der Holländer", und besteht aus vier Räumen, vier Welten: einem Hinterhof mit Parkplatz, einer riesigen Küche, einem erlesenen, zweiteiligen Bedürfnistempel, den man nur ungern als Toilette bezeichnen möchte, und dem eigentlichen Speisesaal, in dem die Kellner ihren Dienst versehen, die Musiker spielen, die feine und die unfeine Gesellschaft ihren Appetit stillt.

An der Rückwand des Speisesaals hängt ein riesiges Gemälde, eine Reproduktion von Frans Hals’ "Festmahl der Offiziere der Sankt-Georgs-Schützengilde" aus dem Jahr 1616. Die Gäste sind Engländer, der Koch ist Franzose, die Küchenmannschaft aus vielen Völkern bunt gemischt: Das ist "Le Hollandais", eine kleine Welt, in der die große Welt sich spiegelt.

Vor dem Gemälde sitzt Albert Spica, der Dieb, mit seinen Leuten: Hehlern, Mördern, Zuhältern, Betrügern, Erpressern, kleinen und großen Gaunern. Sie sind angezogen wie die Offiziere der Schützengilde von St. Georg, mit schwarzen Wämsern, roten Schärpen, breiten, weißen Halskrausen. Spica hat das Restaurant gekauft, Richard Borst, der Koch, ist sein Angestellter. Der Dieb ist der Herrscher dieser Welt.

Neben Albert Spica sitzt seine Frau Georgina, ein nervöses Geschöpf, das nicht zu dem Gemälde paßt. Georgina hat offensichtlich keinen Appetit, sie raucht eine Zigarette nach der anderen, und ab und zu schaut sie zum anderen Ende des Saals hinüber, dorthin, wo ein schlicht gekleideter Mann vor einem Stapel Bücher sitzt, in denen er beim Essen blättert. Eine halbe Stunde lang bleibt der Mann stumm, dann erfahren wir, daß er Michael heißt. Michael folgt Georgina zur Toilette, und die beiden werden ein Liebespaar.

In der Küche des Restaurants hängt ein mächtiges Emblem, das in Leuchtbuchstaben die neue Weltordnung verkündet: "Spica & Borst". Als der Dieb sein Reich in Besitz nimmt, gibt er Befehl, die Neonschrift anzuschalten. Aber nur kurze Zeit strahlt das Menetekel, dann bricht der Stromkreis zusammen, und es wird dunkel rings umher. "Dank Mr. Spicas Großzügigkeit", sagt der Koch, "gibt es kein Licht mehr, keine Elektrizität." Dann zündet er ein paar Kerzen an.