Von Helmut Schödel

„Ich schaue im Saal umher. Nur ein paar vereinzelte Kollegen sitzen da in der Düsternis, die Nachmittagssorte, die gespenstischste von allen, jeder versunken ins eigene Elend.“

Walker Percy, „Der Kinogeher“

Noch hat die Reise nicht begonnen. Wir sind zu Hause im Arbeitszimmer. Draußen wird es dunkel, der Abend kommt und mit ihm die Frage, die auch als Antwort auf den vergangenen Tag gemeint sein kann: „Is (wenigstens) was im Kino?“ Eine klassische Szene: An einem magic afternoon des Jahres 1967 haben sie Birgit und Charly in einem Stück von Wolfgang Bauer zum erstenmal gespielt. Charly entschloß sich damals, erst noch eine Runde zu schlafen.

Nun, 22 Jahre später, ist die Ruhe hin, die Szene auch. Wenn man die Frage – „Is (wenigstens) was im Kino?“ – trotz aller Melancholie, die auf ihr lastet, einmal ganz nüchtern und bei Licht betrachtet, ist sie, so wie die Dinge liegen, falsch gestellt. Gefragt wird nach Filmen. Das Angebot, das auf den Anzeigenseiten der Tageszeitungen ausgebreitet wird, besteht aber vor allem in Kinos. Im Augenblick, da ich dies schreibe, habe ich zwar die Auswahl zwischen Mathäser, Royal, Marmorhaus, Cadillac, Rio Palast und Europa, aber in allen diesen Kinos läuft ein und derselbe Film: „Batman“. „Sex, Lügen und Video“ läuft in neun Kinos, „Asterix“ und „Letzte Ausfahrt Brooklyn“ in jeweils vieren und der letzte „Indiana Jones“ in der neunten Woche immerhin noch in drei Kinos. Sechsundzwanzig Film-Theater, fünf Filme.

„Is (wenigstens) was im Kino!“ Man kann die Frage auch als Schrei verstehen, nicht als Ausdruck cineastischer Neugier, sondern sozialen Elends: Komme ich heute abend noch für neun Mark fünfzig aus der Stadt raus? Und kann ich dabei vielleicht Leute mit ähnlichen Sehnsüchten treffen, zum Beispiel Joe und Monika? Zweiundzwanzig Jahre danach wissen wir die Antwort: Nein!

Wir erleben den Kinogeher im Zeitalter seiner genetischen Reproduzierbarkeit als geklonten Trottel. Kino – das ist für ihn Input filmischer Software. Kino – das ist, wie er selber, nichts Soziales mehr, sondern „ubiquitär“, also überall, also nirgends und nichts. Und trotzdem wird es wieder Abend im Arbeitszimmer des Schreibers.