Von Fritz J. Raddatz

Fritz J. Raddatz: Wenn ich es richtig verstehe, ist Ihr Werk von drei Leitmotiven geprägt. Das eine: der sehr rigorose Abschied vom – ja, wovon nun: stalinistischen Kommunismus oder Marxismus oder Sozialismus überhaupt? Wovon der rigorose Abschied?

Jorge Semprún: Auf jeden Fall ein Abschied vom stalinistischen Kommunismus, zum Teil auch vom Marxismus. Ich glaube, daß es in Marx’ Denken – nicht im Marxismus, wie er sich später in der Kommunistischen Partei institutionalisiert hat – Elemente, kritische Elemente gibt, die ihre Gültigkeit behalten haben. Natürlich nicht die Illusion von der universellen Klasse, die nicht nur das Klassensystem verändern, sondern alle Klassen befreien, die Klassen abschaffen würde. Falsch sind also in gewisser Weise die Ideen, für die wir hauptsächlich, sagen wir: Revolutionäre geworden sind. Die Geschichte hat diesen Teil des Marxismus widerlegt. Aber es gibt Momente der Analyse, der richtigen sozialen, ökonomischen, selbst moralischen Kritik der Gesellschaft.

FJR: Aber braucht man dazu den Marxismus? Wenn nur dieser kleine Rest übrigbleibt, ist das noch wesentlich marxistisch?

Semprún: Nein, gewiß nicht.

FJR: Würden Sie sich jetzt noch – wie früher gelegentlich – einen marxistischen Intellektuellen nennen?

Semprún: Nein.