Wien, im November

Die meisten von den Hunderttausenden, die auf dem Prager Wenzelsplatz tagelang gegen die Diktatur der Partei protestierten und deren Chef Jakeš „auf den Müllhaufen“ der Geschichte wünschten, waren genauso wie die uniformierten Schläger, die den Knüppel schwangen, vor zwanzig Jahren noch Kinder – damals, als der Prager Frühling von sowjetischen Panzern überrollt worden war. Solche „Hilfe“ droht heute nicht mehr. Immer weniger aber gilt deshalb für die neue Generation, was der 76jährige Jiři Hajek, der Bürgerrechtler und einstige Außenminister, noch vor einem Monat sagte, als er – nach kurzer Verhaftung bei der Demonstration vom 20. Oktober – plötzlich nach Wien reisen durfte: Eine Volksbewegung wie in Polen oder der DDR werde sich in der Tschechoslowakei nur schwer entwickeln können, „denn – um es umgekehrt wie Marx zu sagen – die Arbeiter haben bei uns mehr zu verlieren als ihre Ketten“, nämlich eine noch leidliche materielle Versorgung.

Den Menschen, die sich Anfang dieser Woche zu einem Bürgerforum zusammenschlössen, genügten die vollen Mägen nicht. Der Generalstreik, den sie zum 27. November ausgerufen haben, soll nicht mehr Brot, sondern mehr Freiheit erzwingen und deutlich machen, daß das Maß der Geduld voll ist...

„Nicht einmal ein Bier“ habe er bei einem Besuch in Polen bekommen, „und solche Zustände werde ich in der ČSSR nicht zulassen“, sagte noch vor vier Wochen der tschechoslowakische Ministerpräsident Adamec, für den Bürgerrechtler „reine Nullen“ sind. Aber es klang mehr sarkastisch als selbstsicher. Denn inzwischen hat sich erwiesen, daß die Taktik, mit der Adamec – gedeckt von einer nur knappen Mehrheit in der Parteiführung – einer ernsthaften Wende durch halbe Reformschritte ausweichen wollte, nicht mehr ausreicht. So hat er unter dem Eindruck der Vorgänge in der DDR vollmundig vom „Recht der Bürger, die Welt kennenzulernen“ geredet und am 14. November die bisher vorgeschriebenen Ausreisevisa abgeschafft, doch statt dessen muß jetzt für jeden Grenzübertritt ein „statistischer Registrierungsausweis“ beantragt und nach wie vor der Besitz von Devisen nachgewiesen werden.

Auch die überraschende Milde, mit der am 16. November drei prominente slowakische Bürgerrechtler von dramatischen Anklagen („Anstiftung zum Aufstand“) freigesprochen wurden, stellte sich schon zwei Tage später als trügerisch heraus. Auf die friedliche, anfangs sogar genehmigte Demonstration mit Kerzen und Blumen wußten die Adressaten in Prag nur mit Gewalt zu antworten. Die Blutspur, die ihre Panik hinterläßt, könnte sie bald genau dorthin führen, wo sie gerade nicht enden wollten.

„Wenn wir nicht ins Wasser springen, werden wir niemals schwimmen lernen.“ Mit diesem Satz hatte bereits am 25. Mai bei einem deutsch-bulgarischen Symposium am Schwarzen Meer Alexander Lilov überrascht, ein Kommunist, der 1983 „auf eigenen Wunsch“ aus dem Politbüro in Sofia ausgeschieden war und seitdem dort Direktor eines sozialwissenschaftlichen Institutes ist. Aus Bulgarien, das allzulange unbeachtet blieb, signalisierte Lilov so schon ein halbes Jahr, bevor jetzt Parteichef Schiwkoff gehen mußte, und lange vor der Wende in Ungarn und der DDR den radikalen Kurswechsel: „Rechtsstaat, Aufwertung der Rolle mündiger Bürger und ihrer Kontrolle über den Staat, Ausbau der Menschenrechte und demokratische Wahlen“. Anders als am gleichen Tag in Prag stießen am 18. November die hunderttausend Menschen, die in Sofia nach einer neuen Verfassung und nach Abrechnung mit „45 Jahren Volksverdummung“ riefen, nicht auf brutale Polizisten.

In Bulgarien hat der rote Zar, der noch Anfang November die grünen Bürgerrechtler der „Öko-Glasnost“ hatte verprügeln lassen, einem relativ weltoffenen Nachfolger Platz gemacht, der die Macht schlauer und elastischer zu handhaben versteht. Solange sie ihm bleibt. Denn Petar Mladenow dürfte sich kaum große Illusionen machen. Da aber die Bulgaren, wie kein anderes Volk Osteuropas, frei sind von antirussischen Gefühlen, kann er es immerhin wagen, sich ganz dem Kurs Gorbatschows – einschließlich der bislang gezogenen ideologischen Grenzen – zu verschreiben. So suchte er zwar sofort das Gespräch mit der Opposition, versprach auch, die Probleme „nicht zu lackieren“ und „die alten Drehbücher“, die den neuen Aufgaben nicht gerecht würden, zu ändern; doch die Position der Partei, deren politische Glaubwürdigkeit auch in Bulgarien fast aufgezehrt ist, läßt er in absichtsvoller Schwebe.

Auf solche Spitzfindigkeiten läßt sich ein so „großer Führer“, als der sich Rumäniens Parteichef Ceauşescu feiern läßt, erst gar nicht ein. Fünfeinhalb Stunden lang, 120mal von bestelltem Beifall unterbrochen, demonstrierte er schon bei der Eröffnung des Parteikongresses am Montag seine Wirklichkeitsverweigerung und Selbstisolation. „Wenn wir etwas mehr zu essen hätten, wäre es wie im Krieg“, lautet ein bitterer rumänischer Volkswitz. Während sich der Parteitag mit der Behauptung belügt, der Zuwachs an Lebensmitteln entspreche den „auf Weltebene festgelegten Normen“, werden in Bukarest pro Kopf im Monat 500 Gramm Fleisch, 200 Gramm Butter und 10 Eier verteilt. Vier bis sechs Stunden täglich darf auch in diesem Winter nur geheizt werden, und Glühbirnen über 20 Watt sind verboten. Ceau-şescu, das „Karpaten-Genie“ (wie seine Zeitungen ihn nennen), kann sich auf dieser Basis rühmen, daß er die 21 Milliarden Dollar Auslandsschulden des Landes abgezahlt hat. Wenn es wahr wäre, hat sie sein Volk (nicht er und seine üppig lebende Familie) abgehungert. Er aber redet davon, daß es in Rumänien „keine Armen mehr gibt“ und der „goldene Traum vom Kommunismus“ nahe der Erfüllung sei.

Dank polizeilichem Druck und geschlossener Grenzen regt sich kein Widerspruch. Noch nicht. Doch niemand, auch nicht besorgte Politiker in Ost und West, die jetzt eine Destabilisierung des Kontinents befürchten, beneidet Rumänien um solche Scheinstabilität. Hansjakob Stehle