Von Gabriele Venzky

Delhi, im November

Drei Tage vor den indischen Wahlen kam plötzlich das ganze Land zum Stillstand. Die Lautsprecherwagen, die mit ohrenbetäubender Filmmusik beinahe den letzten Winkel des Landes erreichen, verstummten, die berufsmäßigen Parolenschreier packten ihre Mikrophone und Fahnen ein, die Straßen waren leergefegt. Und das, obwohl sich die Wahlen erfahrungsgemäß in diesen letzten Tagen entscheiden. Doch die Leute hatten Wichtigeres als Wahlen im Kopf. Über die Fernsehschirme flimmerte Indiens episches Mahabharata, sechzigste Folge, kitschig gefilmt und unbeholfen gespielt. Herrschergeschichten aus grauer Vorzeit interessierten die Inder weitaus mehr als die Herrscher von heute.

Was sollen diese Wahlen ändern, fragt sich der Zeitungsmann: "Die einen sind wie die anderen. Erst versprechen sie uns das Blaue vom Himmel, aber wenn sie an die Macht kommen, denken sie nur noch an sich und an ihre eigenen Taschen." Om Prakash, so heißt der Mann, hat seine Zeitungen kunstvoll um eine der prächtigen Säulen in Neu-Delhis Vorzeigezentrum, dem Connaught-Platz, drapiert. Als Händler in Druck-Erzeugnissen gilt er als gebildeter Mann. "Rajiv Gandhi ist ein Dieb", sagt er und zitiert damit den Hauptslogan der vereinigten Opposition. Doch dann fügt er entschlossen hinzu: "Aber die anderen sind auch Diebe." Die kleine Menschenmenge, die sich inzwischen angesammelt hat, nickt zustimmend.

Von der Volksfeststimmung, die sonst indische Wahlen zu begleiten pflegte, ist diesmal nichts zu spüren. Gewiß, diejenigen, die dafür bezahlt werden, machen den entsprechenden Lärm und tun so, als wäre etwas los. Die Plakatkleber kleben eine Lage Anschläge über die andere. Die Fähnchenknüpfer knüpfen am Tag für die regierende Congress-Partei und nachts für die Opposition. Und sie alle, auch die Hunderttausende von Rikscha-Wallahs, die für die verschiedenen Parteien Reklame fahren, verdienen gut. Obwohl die Wahlkampfkosten pro Kandidat auf rund 10 000 Mark festgesetzt sind, geben die meisten der 100 000 Kandidaten mehrere Millionen aus – Schwarzgeld, das die Inflation in die Höhe treibt.

Hochkonjunktur und damit volle Geldbeutel haben auch die Astrologen, von denen es im Land mehr als zwei Millionen gibt. Bei ihnen stehen die Kandidaten Schlange, denn so ungewiß wie diesmal war der Wahlausgang noch nie. Kein Trend, keine Hawa, keine Welle, ist zu erkennen. Ganz knapp wird es wohl ausgehen. Und kaum gut für Rajiv Gandhi, meinen die meisten Beobachter.

Indische Wahlen sind ein gewaltiges Unternehmen. Was sich früher über Wochen hinzog, wird diesmal jedoch in drei Tagen, am 22., 24. und 26. November, erledigt. Eine halbe Milliarde Menschen ist zu den Urnen gerufen, um 543 Abgeordnete des Unterhauses zu wählen. Von ihnen werden allerdings vierzehn erst im Februar bestimmt, weil es in Assam, so lautet die offizielle Begründung, jetzt für Wahlen zu unruhig sei.