Von Richard Plant

NEW YORK. – Als die Alliierten 1945 die Konzentrationslager befreiten, standen die übermüdeten Soldaten entsetzt vor dem Gemetzel und den Leichenbergen. Manche kannten die Bedeutung der gelben Sterne an den Lumpen der wandelnden Skelette, aber die rosa Winkel bei anderen sahen viele von ihnen zum ersten Mal.

Die Experten in den britischen und amerikanischen Armeen jedoch wußten es besser: Die Gespenster mit den rosa Winkeln waren wegen homosexueller Handlungen in die Lager geworfen worden. Ob jemand solche Handlungen tatsächlich begangen hatte, war vollkommen unwichtig. Die Gerichte der Nazis waren im besten Fall sowieso nur grausame Fiktionen von Justiz. Der Verdacht „verwerflicher Abweichung“ – wie die Nazis Homosexualität definierten – reichte aus, um zum Verbrecher gestempelt zu werden.

Die Befreier waren sich zwar der Rechtlosigkeit der Nazis bewußt. Im Hinblick auf die Schwulen waren aber auch sie kein Vorbild liberaler Aufgeklärtheit. Ein Häftling, zu acht Jahren Konzentrationslager wegen sexueller Abweichung verurteilt, von denen er drei Jahre im Lager verbüßt hatte, wurde von den Alliierten gezwungen, die restlichen Jahre im Gefängnis abzusitzen.

Die überlebenden Homosexuellen erhielten keine Wiedergutmachung, anders als Juden, politische Gefangene und sonstige Opfer. In der Tat galten Homosexuelle nach den Gesetzen der Bundesrepublik noch bis 1969 als Kriminelle.

Nur ganz allmählich erfuhr die zivilisierte Welt von dem Vernichtungszug der Nazis gegen politisch, rassisch oder sexuell „Subversive“. Was Homosexuellen, katholischen Priestern und anderen Gruppen in Hitlers Todesapparat geschah, wird häufig bis heute geleugnet. Und die Opfer und ihre Familien sprechen oft mit unterschiedlichen Stimmen über diese Jahre, so als ob jede Gruppe so betäubt war, daß sie sich nur mit ihren eigenen Traumata beschäftigen konnte.

Deswegen wurde ein Sonntag Anfang November zu einem ganz besonderen Tag. Elie Wiesel, der Nobelpreisträger und Holocaust-Forscher, sprach vor den Spitzenvertretern der homosexuellen Verbände. Zum ersten Mal seit fünfzig Jahren teilten die Homosexuellen und die Juden die Qual ihrer Erinnerungen.