ARD, Mittwoch, 29. November, 20.15 Uhr: "Die Staatskanzlei"; ein politisches Fernsehspiel von Heinrich Breloer (Buch und Regie)

Aus Dokumentarszenen (Archivmaterial und neuen Interviews) und Spielszenen hat Heinrich Breloer eine eigenwillige Mischform komponiert. Die Spielszenen bleiben angedeutet, die Darsteller wollen nicht mit den authentischen Personen identifiziert werden; sie wollen Charakterstudien liefern, Denkanstöße: So könnte es gewesen sein. Ihr Spiel wird immer wieder von den Dokumentarszenen verfremdet, so daß man bei diesem Film nie den Eindruck hat, etwas vorgesetzt zu bekommen; man wird nicht aufgesogen, sondern bleibt bis zuletzt gedanklich gefordert bei der Suche nach dieser Person, diesem Menschen Uwe Barschel.

Breloer geht es nicht um die politischen Haupt- und Staatsaktionen des Skandals, sondern um die Menschen in Barscheis unmittelbarer Umgebung: die Referenten, Sekretärinnen, Detektive, die Fahrer und schließlich die Ehefrau. In ihren Aussagen werden die Spuren und Narben der Affäre gesucht, es wird der Versuch unternommen, einen Politiker zu begreifen, den offenbar kaum jemand wirklich kannte.

Ein Klassenkamerad berichtet, daß er still, eher unsicher, aber sehr strebsam gewesen sei. Sein Zuhause war ein Wohnlager in Börnsen; für seine Selbstunsicherheit, für seinen Ehrgeiz gab es soziale Gründe. Später nimmt Barschel an einem Rhetorik-Kurs teil und ist danach, wie seine Freunde aus der Jungen Union berichten, ein anderer geworden. Er ist plötzlich selbstsicher, offen, redegewandt; ob das nun gespielt sei oder "gelebt"? – Jemand, der ihn gut kannte, gibt eine treffende Antwort: Es war angelernt, aber es war ihm zur zweiten Natur geworden.

Ein Photograph berichtet, daß er Monate brauchte, um ein wahlkampftaugliches, ein sympathisches Bild vom Ministerpräsidenten zu machen. Er konnte wohl sympathisch sein, doch nur, wenn er gelöst war, und gelöst war er eben höchst selten.

Björn Engholm? Der sei in dieser Hinsicht das genaue Gegenteil, der habe keine zweite Natur nötig. Dem Zuschauer wird immer begreiflicher, welche Angst Barschel vor diesem Rivalen gehabt haben mußte, die elementare Angst dessen, der sich alles, auch sein Image, erarbeiten mußte, gegenüber dem, der von der Natur reicher "beschenkt" worden war.

Nach seinem Flugzeugabsturz meldet sich Barschel mit einer Multimedia-Show im Wahlkampf zurück, schwenkt die Krücke und bekennt: "Wem das Leben noch einmal geschenkt wurde, ohne daß er es sich erarbeitet, verdient hat..." So war er wohl – jemand, der sich sein ganzes Leben selbst verdienen mußte, der nie etwas geschenkt bekommen hatte und also auch nichts zu verschenken hatte. Nach seinem Unfall wollte er dankbarer, bescheidener, gelassener werden – das kann man ihm schon glauben. Dieser Mann war nicht so größenwahnsinnig, sein eigenes Manko nicht überdeutlich zu spüren.