Moskau: Die Wiedervereinigung – nicht auf der Tagesordnung, nicht in den Sternen

Von Christian Schmidt-Häuer

Der Osten wandelt sich. Der kalte Krieg ist zu Ende. Nun stellt sich heraus: Die deutsche Teilung wurzelt tiefer – in Hitlers Krieg gegen die Welt. Wie sehen die vier Siegermächte die deutsche Frage nach dem Fall der Mauer?

Moskau, im November

Sechs Tage nach Öffnung der Mauer legte Michail Gorbatschow die Wiedervereinigung in deutsche Hände. Vor einem Jugendforum erklärte er am Mittwoch, dem 15. November: "Diskussionen über die Wiedervereinigung würden eine Einmischung in die Angelegenheiten Westdeutschlands und der Deutschen Demokratischen Republik bedeuten." Am Abend desselben Tages tickerte dieser Satz in der Meldung Nr. 101 über den englischsprachigen Dienst der sowjetischen Nachrichtenagentur Tass. In der Aufzeichnung, die das Fernsehen am späten Donnerstag abend ausstrahlte, sprach der Generalsekretär die Worte gelassen und für jedermann vernehmlich aus. Doch am Freitag morgen war der Satz verschwunden – und den beiden deutschen Staaten die Kompetenz in eigener Sache fürs erste wieder entzogen.

Die Prawda brachte Gorbatschows Rede ohne diese gewichtige Aussage, obwohl der Parteichef das Parteiorgan doch erst jüngst von dessen konservativem Chefredakteur Wiktor Afanassjew befreit hatte. Wer also war der neue Zensor? Am Freitag vormittag gestand Michail Gorbatschow, daß er sich diesmal selbst redigiert hatte. So vernahm es Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth, als sie im Kreml bei ihrer gemeinsamen Visite mit dem Präsidenten der französischen Nationalversammlung, Laurent Fabius, die Tragweite des Satzes von seinem Schöpfer erläutert haben wollte.

Die Botschaft Gorbatschows, die Rita Süssmuth dann an die westlichen Journalisten weiterleitete, kannten diese schon länger: Aktuell stehe die Wiedervereinigung nicht auf der Tagesordnung. Sie müsse dem geschichtlichen Prozeß der Neuordnung in Europa überlassen bleiben, und der brauche noch seine Zeit. Ähnlich las sich die von Gorbatschow eigenhändig geglättete Fassung in der Prawda: "Beide Staaten sind UN-Mitglieder, gehören internationalen politischen Vereinigungen an, Nato und Warschauer Pakt, EG und RWG. Das sind die Realitäten, von ihnen muß man ausgehen. Wie es die Geschichte weiter anordnet: Mal sehen, was daraus wird. Ich glaube nicht, daß die Frage der Wiedervereinigung dieser Staaten eine Sache der aktuellen Politik ist..." An dieser Stelle sagte der Generalsekretär dann jene Worte, die er nach seinem Eingeständnis der Prawda selbst entzog.