Weichenstellungen für die neunziger Jahre“ hat der Sachverständigenrat sein Anfang der Woche vorgestelltes Jahresgutachten überschrieben. In der Tat stehen viele langfristige Entscheidungen an: Währungsunion, europäischer Binnenmarkt, Wohnungsbau, Unternehmensbesteuerung, umweltverträgliches Wachstum. Alle diese Stichworte hat der Rat abgehandelt, doch seine besondere Aufmerksamkeit gilt der Tarifpolitik – und das aus gutem Grund.

Die Lohnrunden des kommenden Jahres kündigen sich jetzt schon durch hitzige Wortgefechte und kaum verhüllte Drohungen an. Im März wird es ernst, wenn die Tarifverträge der IG Metall und der IG Druck auslaufen; im Dezember 1990 steht mit der ÖTV zum Abschluß einer langen Runde ein weiterer dicker Brocken an. Alles in allem wird 1990 über die Löhne und Gehälter von etwa dreizehn Millionen Beschäftigten entschieden, die Wirkung der Vereinbarungen wird tief in das neue Jahrzehnt hineinreichen. Wenn man bedenkt, daß sich dies alles vor dem Hintergrund diverser Landtags- und Kommunalwahlen sowie der Bundestagswahl Anfang Dezember abspielen wird, dann leuchtet ein, warum gerade zur Tarifpolitik weiser Rat gefragt ist.

Die Ausgangslage ist eindeutig. Wie man es auch dreht und wendet, die vergangenen Jahre waren für die Unternehmer weit einträglicher als für die Arbeitnehmer. Bis in die jüngste Zeit nahmen die Gewinne so kräftig zu, wie es niemand erwartet hatte. Die Löhne und Gehälter wuchsen dagegen 1988 real nur noch um zwei Prozent, 1989 wird nur ein Plus von einem Prozent übrigbleiben. Seit acht Jahren sinkt die Lohnquote, das heißt der Anteil der Einkommen aus unselbständiger Arbeit am Sozialprodukt; nur in den sechziger Jahren war sie niedriger. In keiner der bisherigen Aufschwungphasen, so schloß auch das Ifo-Institut in München, war der Zuwachs der Reallöhne so bescheiden wie in den vergangenen Jahren.

Klar ist auch der Hauptgrund für die einseitige Entwicklung: Große Gewerkschaften wie die IG Metall ließen sich auf den Abschluß lang laufender Tarifverträge ein, um so eine Arbeitszeitverkürzung zu erreichen, und begnügten sich in einer konjunkturell labilen Situation mit bescheidenen Lohnzuwächsen. Das bescherte den Unternehmen überschaubare Perspektiven, eine sichere Kalkulationsbasis, Jahre ohne gravierende Sozialkonflikte und dazu stattliche Gewinne dank ungebrochener Konjunktur. Die Gewerkschaften müssen sich nun von ihren Mitgliedern vorhalten lassen, sie seien mit ihrer Strategie mehrjähriger Tarifverträge gescheitert.

Dazu äußert sich der Sachverständigenrat eindeutig: „Unser bisheriges Urteil über die mehrjährigen Tarifverträge fällt positiv aus.“ Gerade die Lohnpolitik der vergangenen Jahre habe dazu beigetragen, daß der Aufschwung nun schon sieben Jahre dauert und noch an Dynamik zugelegt hat. Den Preis einer sinkenden Lohnquote, so ist zumindest zwischen den Zeilen des Gutachtens herauszulesen, müsse man eben bezahlen.

Sicher ist richtig, daß die Bedeutung der Lohnquote nicht überbewertet werden darf. Sie liefert nur beschränkte Aussagen darüber, über welche Summen ein Haushalt nach Abzug der Steuern und nach Berücksichtigung von Sparzinsen, Kindergeld, Rente oder Wohngeld verfügen kann. Doch die realen Löhne sind nun einmal das Kriterium, an dem Erfolg oder Mißerfolg der Gewerkschaftsstrategie gemessen werden, das sieht auch der Rat so.

Aus dieser Erkenntnis heraus macht er einen überraschenden Vorschlag: „Die Unternehmen leisten in Reaktion auf die unerwartet gute Gewinnentwicklung eine einmalige ‚Nachschlagzahlung‘ an die Arbeitnehmer.“ Ergänzend empfehlen die Sachverständigen eine Lohnkomponente, die an den Ertrag gebunden wird und auf Betriebsebene ausgehandelt werden sollte. Im Gegenzug müßten die Gewerkschaften wiederum mehrjährige Tarifverträge akzeptieren und sich mit Lohnanhebungen im Rahmen des Produktivitätsfortschritts begnügen.