Von Markus Stegmaier

Für die Kalk-Hersteller und -Händler der Region war das Geschäft in der Gemeinde Bermatingen im Spätsommer und Herbst bisher immer gut. Nicht daß hier im Bodensee-Hinterland von August bis Mitte Dezember besonders viele Häuser gebaut würden. Dankbarer Abnehmer des alkalischen Gemischs war vielmehr der Abwasser-Zweckverband Obere Seefelder Aach, der damit die Reinigungsleistung seiner Kläranlage wenigstens teilweise zu retten versuchte.

Der skurrile Chemie-Einsatz ist Teil einer Provinzposse, zu deren Hauptakteuren die Großmosterei Bernhard Widemann im Bermatinger Ortsteil Ahausen gehört. Während der Obstsaison ließen die Abwässer des Siebzehn-Mann-Betriebes die auf 6000 Einwohner-Werte (EW) ausgelegte Kläranlage in Salem-Grasbeuren zuverlässig zusammenbrechen. Mit seiner Abwassermenge von mittlerweile 22 000 EW übertraf der Fruchtsaft-Hersteller die gesamte Bürgerschaft in der Dreck-Produktion im Herbst um das Vier- bis Fünffache.

Doch nicht nur quantitativ, auch qualitativ waren die Ahauser Obstverwerter unschlagbar. Beamte des Wasserwirtschaftsamtes Ravensburg ermittelten, daß die Mostereibrühe fünfmal schmutziger war als der Dreck von Otto Normalverbraucher. Bei voller Betriebsauslastung könnten die Apfelsaft-Hersteller der Kläranlage sogar noch eine viel größere Schmutzfracht anbieten.

Die Reihe der Überraschungen ist damit noch nicht zu Ende: Fruchtzucker-Reste setzten in den Klärbecken einen Gärprozeß in Gang, der das für die Reinigung des Abwassers notwendige Absinken der Fäkalstoffe verhindert. Die Folge: Ein stark Koli-Bakterien-haltiger Blähschlamm trieb auf den Klärbecken. Fruchtsäure und Zellulose wiederum senkten den Säurewert des Abwassers so weit ab, daß die Klärwärter zur Neutralisation säckeweise Kalk in ihre Anlage schütten mußten. Das so geklärte Wasser floß schließlich über die Seefelder Aach in Europas wichtigsten Trinkwasser-Speicher, den Bodensee – mit Schmutzwerten, die bis zu fünfzehnfach über den erlaubten lagen.

Das alles galt für die Vergangenheit. Seit dem vergangenen Jahr nämlich darf der Unternehmer seine aggressive Brühe nicht mehr in die Orts-Kanalisation einleiten. Der Vorsitzende des Abwasser-Zweckverbandes Obere Seefelder Aach und Bürgermeister der Gemeinde Bermatingen, Alois Gohm, hat seine mehrfach ausgesprochene Drohung, „den Schieber zu schließen“, im Sommer 1988 in die Tat umgesetzt – unter dem Damoklesschwert staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen.

Am 20. Juli dieses Jahres schlug auch das Landratsamt Bodenseekreis zu und untersagte die Einleitung aller betrieblichen Abwässer. Seither fährt der Obstverwerter die ungeliebte Dreckbrühe „täglich für einen vierstelligen Betrag“ (Junior-Chef Klaus Widemann) in die dreißig Kilometer entfernte Großkläranlage Ravensburg. Deren Betreiber, glaubt Firmengründer Bernhard Widemann, „freut sich sogar darüber, weil ihm ein anderer Abwasser-Einleiter ausgefallen ist“. Damit der Spaß dort aber nicht überhand nimmt, leitet die „Bodensee-Kelterei“ zwischendurch schon einmal eine Mixtur aus Abwasser und Kühlwasser in einen kleinen Graben oder in die Kanalisation. Beamte des Wirtschaftskontrolldienstes und des Wasserwirtschaftsamtes ertappten sie gleich mehrfach; dem Großmoster droht deshalb eine Strafanzeige.