Von Stefan Berkholz

Ja, Bloch, natürlich", sagt er, erhebt sich mühsam von seinem Schreibtischstuhl, geht zum Bücherregal und zieht einen Band heraus: "Geist der Utopie", 1918 erschienen, hier mit einer Widmung Ernst Blochs vom 31. Juli 1920. In Heidelberg hatte er ihn kennengelernt, später in Italien wiedergetroffen. "1924 ging ich nach Capri, ’25 kam Bloch." Adorno stieß dazu, Siegfried Kracauer. "Die brotlosen Intellektuellen trafen sich in hellen Scharen in Italien", fügt er nach einer Weile hinzu, denn in Deutschland machte die Inflation das Leben teuer.

Begegnungen, Namen, Jahreszahlen. Alter als das Jahrhundert ist Alfred Sohn-Rethel, im Januar 1899 geboren. Ein Denker, doch kein Grübler, mit einem freundlichen glatten Gesicht, tiefe Linien, ein großer Kopf. Weiße, leicht wellige Haare. Gern streicht er sich darüber, redet langsam und tastend, sehr leise und beinahe druckreif. Er hört erst zu, schließt die Augen, stemmt die Hände gegeneinander und beginnt dann zu erzählen, mit leichter Ironie und ohne je ins erinnerungsselige Schwadronieren zu geraten.

In Frankreich ist er aufgewachsen, in Deutschland zur Schule gegangen, durch halb Europa getrieben worden. Französisch und Englisch beherrscht er perfekt. Denkt in Englisch, wenn die Materie es erfordert – sucht dann nach deutschen Wörtern. Und kann sich noch heute über sein Unvermögen ärgern. "Meine Mutter war Jüdin", erzählt er, "und ich bin dadurch eigentlich ‚Halbjude‘. Wie ich die Frankfurter Schule kennenlernte, Adorno, Benjamin und so weiter, da habe ich mich immer drüber geärgert, daß ich nur Halbjude bin. Weil: Ich konnte mit denen nicht mit. Die waren von einer Intelligenz und Sprachbegabung, die unbeschreiblich ist. Vor allem Benjamin! Unglaublich! Das war wirklich etwas ganz Einzigartiges."

Als Zeitgenosse, als Freund oder guter Bekannter Adornos, Benjamins, Blochs, Horkheimers ist er bekannt. Sein eigenes Werk allerdings steht nur zu oft im Schatten. Dabei ist Alfred Sohn-Rethel einer der bedeutendsten marxistischen Theoretiker dieses Jahrhunderts, eigenwilliger Kopf einer Kritik am gelehrten Marxismus – aus linker Sicht. Ein Sozialphilosoph, Humanist und Sozialist, Gegendenker der leichtfüßigen Zeitgeistler aller Epochen. Daß er noch lebt, daß man ihn fragen kann, mit ihm sprechen, wissen die wenigsten. Das rührt auch daher, daß er gern geschnitten wird, jedenfalls von den Nachlaßwaltern der "Frankfurter Schule". Und Sohn-Rethel fügt hinzu: "Ich bin furchtbar unkommunikativ, im ganzen ... Überhaupt. Immer schon gewesen."

Seine Studienzeit verbringt er in Heidelberg, studiert Französisch, Nationalökonomie, Soziologie, Philosophie, ist Schüler von Ernst Cassirer und Alfred Weber, debattiert mit Ernst Toller und Alfred Seidel. Von einem Heidelberger "Soziologen-Klub", der regelmäßig in einem Hotel zusammenkam, berichtet Carl Zuckmayer in seinen Erinnerungen. Er bewundert "den unheimlich gescheiten Alfred Sohn-Rethel, der mit kaum zwanzig an einem Werk über die Gnosis arbeitete".

1925, ’26, ’27 dann Italien. "Ich war damals dreieinhalb Jahre dort. Von da aus bin ich wieder nach Heidelberg gegangen und habe meinen Doktor gemacht." Bei Emil Lederer mit einer Arbeit über Schumpeter – und, was er auch nicht erwähnt, mit summa cum laude, was zur damaligen Zeit alles andere als eine Selbstverständlichkeit war. "Es hatte sich furchtbar verzögert", fügt Sohn-Rethel entschuldigend hinzu. Entschuldigend? Oskar Negt sagte im vergangenen Jahr in seiner Laudatio zur Verleihung der Ehrendoktorwürde der Stadt Bremen: "Sohn-Rethel ist einer von diesen langsamen und schwerfällig Lernenden, übrigens ohne sich dessen zu schämen, sondern es freimütig bekennen und damit den Blick freibekommen für das wirklich Neue, das im Alten heranwächst."