Daß er im Winter bei einer folgenden Razzia verhaftet wird, nennt er heute einen "Verkehrsunfall". In seiner Wohnung kann nichts Verdächtiges gefunden werden. "Doch dann fragten sie noch, ob ich im Keller oder auf dem Boden einen Verschlag hätte. Und dummerweise fand sich darin ein Koffer mit Kampfschriften und Flugblättern und Auszügen aus alten Büchern wie jenes von Rosa Luxemburg: ‚Die Wirtschaftsgeschichte‘."

Zwei Tage und zwei Nächte sitzt er in der berüchtigten Prinz-Albrecht-Straße. Sohn-Rethel kommt frei, doch er verliert seinen Beobachtungsposten beim MWT. Bis 1936 verharrt er in Berlin, nun, weit unverdächtiger, in der Wohnung einer Polizeigenossenschaft, und, seit 1934, als Geschäftsführer der Ägyptischen Handelskammer Deutschland in der Bendlerstraße. In einem Gespräch mit Mathias Greffrath erzählte Sohn-Rethel vor Jahren, wie es dazu kam: "Ich schrieb schon den Informationsdienst des Deutschen Orientvereins, einer Verlängerung des Mitteleuropäischen Wirtschaftstages, der die imperialistischen Zielsetzungen über den innereuropäischen Raum hinaus in den nahen Osten ausdehnte. Und darüber kam es dann auch zu dem Plan einer Ägyptischen Handelskammer für Deutschland. Zu dieser Handelskammer kamen dann Leute aus Ägypten und Saudi-Arabien, ich war da so eine Art Fremdenführer." Und er nimmt Kontakt auf zu Widerstandsgruppen wie "Neu Beginnen" mit Richard Löwenthal, Margret Boveri, Peter von Haselberg.

Es folgen die Jahre in der Emigration. Von Berlin 1936 zunächst in die Schweiz. "In Luzern habe ich mich sofort hingesetzt und meine theoretische Arbeit gemacht, diese soziologische Theorie der Erkenntnis. In der Hoffnung, daß ich irgendwie mit dem Institut für Sozialforschung werde Kontakt haben können. Denn ich hatte ja gar keine Einkommensmöglichkeiten. Ich habe also mit ungeheuren Anstrengungen am Manuskript gearbeitet; doch", fügt er ungerührt hinzu, "das hat mir durch die Abneigung von Horkheimer nicht weitergeholfen. Aber die Begeisterung von Adorno auf sich gezogen."

Im November 1936 erhält er einen Brief vom Merton College in Oxford, Absender ist Adorno: "Lieber Alfred, ich glaube nicht zu übertreiben, wenn ich Ihnen sage, daß Ihr Brief die größte geistige Erschütterung bedeutete, die ich in Philosophie seit meiner ersten Begegnung mit Benjamin’s Arbeit – und die fiel ins Jahr 1923! – erfuhr. Diese Erschütterung registriert die Größe und Gewalt Ihrer Konzeption – sie registriert aber auch die Tiefe einer Übereinstimmung, die unvergleichlich viel weiter geht als Sie ahnen konnten, und auch als ich selber ahnte."

Dann anderthalb Jahre Paris, schließlich Großbritannien. Im Internierungslager Isle of Man trifft er 1940 den verschollenen Arbeiterschriftsteller Werner Türk wieder, der in der Künstlerkolonie grad über ihm gewohnt hatte. Es ist ein Lager für deutsche und österreichische Emigranten, doch es herrschen nicht die harten Zustände wie etwa in Frankreich. Die Internierten leben in einer Art Eisenbahnersiedlung, Sohn-Rethel in einem kleinen Haus zusammen mit Kurt Schwitters. Zweimal portraitiert er Sohn-Rethel, das eine Mal auf einem Stück Fußbodenholz, das sie unter einem Schrank wegreißen und zur Leinwand machen.

Vierzig Jahre bleibt Sohn-Rethel als Gast in Großbritannien, hofft auf einen Neubeginn, wird, nachdem er 1947 britischer Staatsbürger geworden ist, Mitglied der kommunistischen Partei. Ein Irrtum. "Ein schlecht organisierter, unbedeutender Haufen", murmelt der alte Mann. Ja, er war damals eingetreten, hatte idealistische Vorstellungen gehabt, doch wurde schnell ernüchtert vom orthodoxen Zustand der Partei. Seine Mitgliedschaft bleibt nicht mehr als eine Stippvisite.

Stundenweise muß er sein Geld verdienen als Französischlehrer in Birmingham. "Im großen und ganzen" aber, erzählte er vor Jahren, "lebte ich vom Gehalt meiner Frau, die im Hospitalwesen beschäftigt und selbst schlecht bezahlt war." Erst 1972, nach dem Erscheinen des Buches "Geistige und körperliche Arbeit", erhält er eine Gastprofessur der Universität Bremen, wird anschließend, gestützt durch das Votum Alexander Kluges, als Dozent berufen und kehrt schließlich in die Bundesrepublik zurück. Seit 1978 lebt er in einem ruhigen Bürgerviertel Bremens.