Von Otto Köhler

Lüneburg

Am Vorabend hatte sich im Fernsehen der anderen Republik Eduard von Schnitzler nach dreißig Jahren für immer mit seinem Schwarzen Kanal verabschiedet. Jetzt am Morgen in Lüneburg in unserer Republik sitzt eine Lehrerin vor dem Niedersächsischen Disziplinarhof, der in zweiter Instanz darüber zu entscheiden hat, ob sie tatsächlich ein „schweres Dienstvergehen“ begangen hat und darum vom Schuldienst ausgeschlossen bleibt oder ob sie nach einer Zwangspause von drei Jahren wieder unterrichten darf.

Dorothea Vogt, Studienrätin aus Jever, schildert höchst eindrucksvoll, wie es zu dem schweren Vergehen kam, dessentwegen sie diszipliniert wurde. Im August 1977 war sie als junge Studienassessorin nach Jever gekommen. Sie traf dort auf eine Schülerbewegung, die sich an die verschüttete NS-Geschichte der Stadt heranwagte, und half den jungen Leuten bei der Organisation einer Ausstellung. Die Lehrerin mußte sich mit den Jungen Nationaldemokraten der NPD auseinandersetzen. Sie erlebte mit, wie der einzige Jude, der nach 1945 nach Jever zurückgekehrt war, zusammengeschlagen wurde, in dem Ort, in dem Adolf Hitler 1977 noch immer Ehrenbürger war. So kam es, daß sie sich der Partei anschloß, deren Antifaschismus ihr unbezweifelbar schien: der DKP. Sie kandidierte für den Landtag.

Das genügte. Es gab nichts, was man ihr persönlich vorwerfen konnte. Kein Einwand wurde gegen ihren Unterricht erhoben. Es gibt keine Äußerung von ihr, die man gegen sie verwenden konnte – auch hier im Verfahren wird nichts gegen sie vorgebracht. In Anzeigen für die Lokalzeitungen in Jever haben sich mehr als 900 Menschen mit vollem Namen hinter sie gestellt. Sie gehört zu den Reformern in ihrer Partei. Sie mußte, sie durfte gerade erst miterleben, wie Bundespräsident von Weizsäcker einem ihrer Parteifreunde durch den Bürgermeister das Bundesverdienstkreuz überreichen ließ. Doch sie, der man nichts vorwerfen kann als ihre Mitgliedschaft in einer nicht verbotenen Partei, sie darf seit 1986, seit ihrer Kandidatur für den Landtag, nicht mehr Lehrerin sein.

All ihren Einlassungen hatte der Vertreter des Landes Niedersachsen immer nur das eine entgegenzuhalten: Die DKP sei nun einmal eine verfassungswidrige Partei. Und es sei darum nicht einzusehen, warum man ihr die verfassungsfeindlichen Ziele dieser Partei nicht zurechnen könne. Die Prozeßbeobachter von niederländischen und französischen Lehrergewerkschaften horten das mit Verblüffung.

Doch das Gericht machte sich die Auffassung der Landesregierung zu eigen und verfugte noch am Abend desselben Tages in letzter Instanz die Entlassung der Studienrätin aus dem Schuldienst. Dabei hatten Dorothea Vogts Chancen gar nicht schlecht gestanden. Denn am 20. Juli dieses Jahres hatte der Niedersächsische Disziplinarhof ein Disziplinarurteil erster Instanz abgeändert, durch das die Oldenburger Oberstudienratin Irmelin Schachtschneider 1987 aus dem Schuldienst entfernt wurde, weil sie Mitglied der DKP ist und für sie kandidiert hatte. Im Hinblick auf die „neuen Tendenzen in der DKP“ hob der Erste Senat das Berufsverbot für die Oberstudienrätin auf, verfügte aber – Trostpflaster für die Landesregierung – die Zurückstufung zur Studienrätin.