Die Verleger des Papalagi-Vorbildes verloren zwei Prozesse

Von Hanno Kühnert

Zwei Bücher, ein Streit, ein Thema: Ein "Wilder" sieht Europa und beschreibt den Aberwitz der angeblich so Zivilisierten. Seit 1977 vertreibt der Alternativ-Verlag Tanner + Staehelin seinen Titel "Der Papalagi" von Erich Scheurmann mit großem Erfolg; die Gedanken des Südsee-Häuptlings, erstmals 1920 erschienen, fehlten auf keinem Mensa-Büchertisch; ein Kultbuch der achtziger Jahre. Die Auflage hat jetzt die Millionengrenze überschritten. Der offensichtliche Erfolg hat den Züricher Verlag nicht davon abgehalten, Klage zu erheben gegen die Verleger des Konkurrenz-Titels "Die Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland". Und nun sind, wieder einmal, Justiz und Literatur zusammengestoßen, wieder einmal gibt es keine Gerechtigkeit, sondern – in diesem Fall – Wettbewerbsrecht. Eine Handelskammer des Landgerichts Stuttgart hat die Verlage Helmut Donat in Bremen und Goldmann, München, verurteilt, aus ihrem Buch einen Plagiatsvorwurf gegen den Papalagi zu entfernen und Schadenersatz für Geschäftsschädigung zu zahlen, ebenso die Prozeßkosten.

Auch wenn der Lukanga Mukara, geschrieben von Hans Paasche, heute eine weitaus geringere Auflage als der Papalagi hergibt, war er einst ein erfolgreiches Kultbuch der Jugendbewegung, eine Zivilisationskritik aus dem Blickwinkel eines afrikanischen Häuptlings. Lukanga Mukara führt den Deutschen vor Augen, daß sie kein Recht hatten, ihre Lebensformen, Sitten und Gebräuche nach Afrika zu exportieren. Bereits 1912 und 1913 erschien ein Teil dieses Buches, sechs Briefe des Häuptlings Lukanga Mukara an seinen Stammeskönig, in der Zeitschrift Der Vortrupp. Paasche hatte zuvor eine längere Reise durch Afrika gemacht, so wie Erich Scheurmann vor der Niederschrift des Papalagi 1914 für kurze Zeit in der Südsee war.

Gleiche Themen, gleicher Aufbau

Nun ist der Papalagi offensichtlich ein Remake, ein Abklatsch des Lukanga Mukara; allzu viele Indizien lassen wenig Zweifel: Das erfolgreiche Buch hat das erfolgarme zur Vorlage genommen, Scheurmann hat Paasche über die Schulter geguckt, und Scheurmanns Verleger verdienen ihre goldene Nase mit einer ziemlich dreisten Nachempfindung.

Doch die zahlreichen Parallelen in den beiden Werken zu prüfen befand das Gericht nicht für notwendig: Der äußere Aufbau der Bücher ist sehr ähnlich. Bei Paasche übt ein afrikanischer Häuptling in Briefen Kritik, bei Scheurmann tut es der Südsee-Hauptling Tuiavii in Reden. Scheurmann hat sich auch mit der Kritik an der europäischen Zivilisation eng an Paasche gehalten. Karl Egbert Wenzel, Anwalt der beklagten Verlage, meint in einem Schriftsatz, es gebe keine zwei weiteren Publikationen, die so viele gleiche Themen auf so frappierend gleiche Weise behandelten. Elf dieser Themen listet er auf. Auf vier Seiten bringt Wenzel von Verleger Donat ausgearbeitete Parallel-Steilen, die das Gericht zumindest hätten nachdenklich machen müssen.