Und dies ist der Hintergrund: Hans Paasche, 1881 geboren, ein widerborstiger Mensch, wurde als junger Marineoffizier 1904 nach Afrika kommandiert, löste sich aber innerlich vom Militär und quittierte den Militärdienst. Durch den Weltkrieg wurde er vollends zum Pazifisten. Er lebte als Schriftsteller auf seinem Gut in der Neumark oder in Berlin und arbeitete an Büchern und Zeitschriften, die der Jugendbewegung nahestanden; unter anderem gründete er die Halbmonatsschrift Der Vortrupp. In den Jahren 1910 und 1911 reiste Paasche mit seiner Frau noch einmal nach Afrika, diesmal als Zivilist. Er sprach Suaheli und warb später im kaiserlichen Deutschland für afrikanische Lebensform. 1917 saß Paasche nach pazifistischen Aufrufen kurz im Gefängnis. 1918 war er Angehöriger des Vollzugsrats der Arbeiter- und Soldatenräte in Berlin. 1919 erschien seine Schrift "Meine Mitschuld am Weltkriege". Aufgrund einer Denunziation, Paasche verberge auf seinem Gut Waffen für einen kommunistischen Aufstand, rückten am 21. Mai 1920 fünfzig Soldaten unter Führung eines Oberleutnants mit Karabinern und einem Maschinengewehr an, umzingelten das Gut und durchsuchten es. Mit vier Schüssen ermordeten sie Hans Paasche. Waffen fanden sie keine. Niemand wurde wegen des politischen Mordes bestraft.

Keine Kolibris auf Samoa

Der Jugendbewegung, die Paasches Buch so schätzte, gehörte auch der Lehrer Erich Scheurmann an, der in der Zeitschrift Der Vortrupp längere Zeit als Autor tätig gewesen zu sein scheint – zu Zeiten, als Hans Paasche das Blatt wegen seiner chauvinistisch-nationalistischen Tendenz verlassen hatte. Scheurmann konnte auch auf das Archiv der Zeitschrift und auf die veröffentlichten Briefe Paasches zurückgreifen, jedenfalls lagen sie ihm vor der Nase. Der Plagiatsvorwurf gegen Scheurmann sei so alt wie seine Veröffentlichung, schrieb der Anwalt des Donat-Verlages in einem Schriftsatz. "Einer der wenigen möglicherweise noch lebenden Zeitzeugen, der als ,der Alte vom weißen Berge‘ bekanntgewordene Willy Ackermann, hat ... wörtlich geäußert: ‚Ich kenne den Verfasser des Papalagi persönlich und weiß, wie das Buch entstanden ist. Das ist kopiert, das ist regelrecht, ja könnte man sagen, abgeschrieben‘". Leider ist dieser Setzer und Drucker der Zeitschrift Vortrupp, Willy Ackermann, längst tot, aber zwei angebotene Zeugen, die Ackermanns Bekundungen über die mangelnde Originalität des Papalagi wiedergeben könnten, hat das Stuttgarter Gericht nicht befragt.

Daß Erich Scheurmann später zu einem Maler und Schreiber der Nationalsozialisten abglitt, war auch Iring Fetscher bekannt, als er das Vorwort mit dem beanstandeten Satz schrieb. Denn sein Schuler, der Soziologe Ulrich Erckenbrecht, heute in der Schweiz lebend, hat unter dem Pseudonym Hans Ritz im Jahr 1983 in einem Buch "Die Sehnsucht nach der Südsee, Bericht über einen europäischen Mythos" einen fürchterlichen Verriß des Papalagi veröffentlicht. Nach Ritz/Erckenbrecht werden im Papalagi etwa Kolibris, Glühwürmchen, Seemowen und Kröten genannt – Tiere, die in Samoa überhaupt nicht vorkommen. Daß Scheurmann sich mit seinem Papalagi "eng an anderen literarischen Produkten orientiert hat", sei "höflich formuliert", schreibt Ritz zum Plagiatsvorwurf. "Scheurmann hat das Buch von Paasche nicht in dem Sinn plagiiert, daß er es Wort für Wort abschrieb. Er hat sich den Grundeinfall angeeignet und sich ... sehr dicht an das Afrikanerbuch gehalten. Dafür hat er die konkrete Gesellschaftskritik mit religiösen Allgemeinheiten verwässert und sein ideologisches Sendungsbewußtsein abreagiert."

Der Diebstahl geistigen Eigentums wird in der Literatur äußerst großzügig, je nachdem schmunzelnd oder unwirsch, als Usance oder schöpferische Freiheit hingenommen, es gibt kaum Rechtsprechung darüber. Dagegen wird es um so ernster, je naher man der Verwertung und dem Handel kommt: Über Plagiate von Industrieerzeugnissen, Computerprogrammen oder Klobrillen ("Zu den geschützten Werken der Kunst können auch Toilettensitze – insbesondere deren Brillen – gehören", Oberlandesgericht Hamburg 1979) gibt es reichlich Judikatur.

Da wird dann klar, daß ein Gericht die Tatsache des literarischen Abkupferns auf die leichte Schulter nimmt. Ob der Konkurrent wirklich abgekupfert hat, das interessiert ein deutsches Gericht nicht, die Beweisangebote dafür schlägt es in den Wind.

Daß die unangenehme Wahrheit ruhig im Wettbewerb ein wenig hinderlich sein darf, darauf hätten die Stuttgarter Richter kommen können. Die Urteile sind noch nicht rechtskraftig, aber die genervten Verlage überlegen, ob es sich lohnt, in die Berufung zu gehen.