Von Walter Klier

Kathy Acker, 42, stammt aus den Vereinigten Staaten. Dort hat sie Philosophie studiert, war eine Zeitlang verheiratet, hat am San Francisco Art Institute unterrichtet, in der 42nd Street in New York in Sex-Shows gearbeitet, sich in der Feminist Anti-Censorship Task Force gegen Andrea Dworkin engagiert und seit den frühen siebziger Jahren in sogenannten Untergrund-Verlagen, später mit wachsendem Erfolg in „richtigen“ publiziert und Performance-Lesungen abgehalten. Vor drei Jahren übersiedelte sie nach London.

In den USA wurde sie zuerst bekannt durch den Roman „Blood and Guts in High School“ (1978), auf deutsch unter dem Titel „Harte Mädchen weinen nicht“ 1986 erschienen und von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften auf den Index gesetzt mit der Begründung, das Buch enthalte „infantiles Geschwätz“ und „primitives Vokabular“, es verwende die „banale Sprache der Gosse“, der Leser könne „teilweise sehr schlecht erkennen oder überhaupt nicht erkennen, ob es sich um Phantasien oder tatsächliche Geschehnisse der Protagonisten“ handle. Wie schon oft, hat damit ein Zensor ein Stück harter literaturkritischer Arbeit geleistet und wichtige Punkte klargestellt (außer in der Bundesrepublik wurde „Blood and Guts“ auch in Südafrika verboten).

Was der Zensor vermutlich nicht wußte, ist folgendes: Kathy Acker dichtet nicht – wie immer noch der deutsche Poet, sein Leser und sein Zensor es gerne haben mochten – aus ihrer Seele, sondern aus ihrer Bibliothek. Wer glaubt, dies müsse notwendig in langweiliger Gelehrsamkeit munden, sitzt wiederum einem deutschen Stereotyp auf. Die Frage nach der erzählenden Instanz wird etwa im „Reich ohne Sinne“, ihrem neuesten Roman („Empire of the Senseless“, 1988), so abgehandelt:

„,Ich weiß nicht, wer hinter ihm steht‘ ... ‚Ich weiß nur, wir nennen ihn ‚Boss‘, und er erhält seine Befehle. Wie du und ich.‘ ... ‚Irgend jemand weiß etwas. Wer er auch ist, der Eingeweihte, das muß der Big Boss sein.‘ ... ‚Ich weiß nur, daß wir diese Konstruktion erreichen müssen. Und ihr Name ist Kathy.‘ ‚Das ist ein schöner Name. Wer ist sie?‘“ Zwanglos spielt im „Reich ohne Sinne“ die Frage der Figuren nach der erzählenden Instanz in jenes von Thomas Pynchon für die neueste Zeit ausführlich beschriebene Thema der Weltverschwörungs-Paranoia hinein.

Es ist müßig, Kathy Ackers Romane nacherzählen zu wollen. Natürlich gibt es Stränge, Erzählmotive wie das von der Revolution der Algerier, die im „Reich ohne Sinne“ Paris anzünden, die Mittel- und Oberschicht umbringen und eine Schreckens- und Elendswelt jenseits der Geschichte beginnen lassen, durch welche die zwei „Figuren/Erzähler“ Abhor und Thivai irren; oder das wiederkehrende Motiv vom Wohlstandskind, das in vollkommen liebloser Umgebung aufwächst, oder das vom Vater, der mit der Tochter schläft und sie loswerden will, als er sich in eine andere Frau verliebt, woraus am Beginn von „Harte Mädchen“ ein hinreißend komisches und zugleich tieftrauriges Eifersuchtsdrama zwischen Vater und Tochter wird.

„Harte Mädchen“ enthält unter anderem ein umgeschriebenes Persisch-Lehrbuch, eine bewußt schülerhaft holperige Propertius-Übersetzung, eine wilde Liebesaffäre mit Präsident Carter. Wir begegnen Namen aus der Geistesgeschichte wie Schreber und Freud, Leopold Bloom und Alexander Keyes. Einige Werke der Weltliteratur werden nochmals kurz rekapituliert und kommentiert, etwa Nathaniel Hawthornes „Scarlet Letter“ oder der Decamerone von Boccaccio/Pasolini.