Von Volker Hage

Nähe und Distanz. Zumeist mehr Distanz. Einmal schreibt er an Max Brod: „Sie haben recht, es zu beklagen, daß man im Leben zu wenig zusammengekommen ist. Aber ich war immer wenig beweglich, und es war persönlich nie viel mit mir anzufangen.“ Dann zitiert er Goethe mit dem Wort, daß sich „mit den Jahren die Prüfungen“ steigerten, daß also – wie er es selbst sagt – „die Ansprüche der Welt“ immer mannigfaltiger würden, „so daß man oft genug das klägliche Gefühl der Insuffizienz erfährt und mit Lesen und Korrespondenz jeden Augenblick vor der Bankrotterklärung steht“. So im Jahr 1949.

1. Die notwendige Einsamkeit

Thomas Manns Klagen über den Arbeitsanfall und seine Furcht vor dem Abfall, gar Zusammenbruch der eigenen Leistungskraft sind so kontinuierlich wie seine Disziplin und Produktivität schier unglaublich – gerade und vor allem, was den schriftlichen Kontakt und Verkehr mit Freunden und Kollegen angeht. Und fast alle haben sie sich irgendwann einmal an ihn gewendet, die Schriftsteller – sei es, um ihm ihr erstes, ihr neuestes Buch zu schicken, sei es, um ein Urteil, eine kleine Bemerkung für den Buchumschlag zu erbitten, sei es, um dem berühmten Kollegen ihre Aufwartung zu machen, eines seiner Werke zu preisen, den Kontakt zu suchen, vielleicht sogar die Freundschaft.

Scheu werden die ersten Fäden geknüpft. Rudolf Georg Binding wagt es 1927 „nach einer der schönsten und vornehmsten Begegnungen – es war die mit Ihnen –“, einen Brief zu schreiben. Hermann Broch eröffnet 1932 sein Schreiben an den „Hochzuverehrenden Herrn Professor“ mit den Worten: „Ich kann Sie also bloß bitten, mir zu glauben, daß ich Ihnen für die Stunde, die Sie mir geschenkt haben, tief dankbar bin, daß sie mir wertvollster unverlierbarer Besitz bleiben wird.“ Und der Romancier, der damals schon Mitte vierzig ist, legt eine „Abhandlung, richtiger Skizze“ bei und dem Kollegen ans Herz – mit einer geradezu köstlichen verbalen Volte: „Bitte nehmen Sie diese Schrift nicht als anmaßliche Aufforderung, sich mit ihr zu beschäftigen! so sehr ich mich natürlich auch freuen würde, wenn es Ihnen Ihre Zeit einmal gestatten würde, einen Blick hineinzutun.“

Alle wollten sie etwas hören: über sich, über ihr Werk, über ihre Ideen, Pläne, Projekte. Und Thomas Mann hat, so gut er eben konnte, gelobt, Mut gemacht, zugestimmt. Es wäre ganz falsch, anzunehmen, seine Anteilnahme sei nur oberflächlich gewesen. An Broch – inzwischen hatten die beiden zu vertrauteren Umgangsformen gefunden – schrieb er 1944 (anläßlich von dessen noch nicht veröffentlichtem Roman „Tod des Vergil“): „Daß der Vergil noch so im Rückstand ist, und daß Sie bis vor Kurzem noch soviel Plage damit hatten, war ich nicht vermutend ... Meine Bestellung habe ich schon vor Wochen gemacht und bin enttäuscht, daß man noch auf das Zustandekommen von weiteren 500 Subskribenten wird warten müssen.“

Als der Roman dann erschienen war, nannte Thomas Mann ihn in einer Besprechung „eine kühn konzipierte, originelle und erstaunliche Schöpfung, deren Magie jeden gefangennehmen muß, der in ihren Bannkreis gerät“. Im Tagebuch allerdings notierte er abweichend: „Brochs Vergil, pausen- und atemloser Strom von noble ennui, ungegliedert, man lechzt nach einem römisch II. Aber Schönheiten und Sinn für das beklemmend u. gefährlich Menschliche.“