Von Ota Filip

In die Geschichte des europäischen Exils wird das Internationale Seminar über Mitteleuropa in Wroclaw als eine Heldentat eingehen. So etwas hat es in Europa noch nicht gegeben: Über dreißig Persönlichkeiten des tschechoslowakischen Exils und über 6000 Angehörige der tschechoslowakischen Bürgerinitiativen folgten der Einladung der Solidarnosc und kamen Anfang November nach Wroclaw in die große Aula der Universität und ins Polnische Theater.

Adam Michnik, der Vordenker der polnischen Solidarnosc, bewertete das Treffen als einen historischen Augenblick und als einen Neubeginn der nicht immer freundschaftlichen Beziehungen zwischen der Tschechoslowakei und Polen.

Die Wahl des Ortes fiel auf eine echt europäische, vom tschechischen Fürsten Vratislav I. im 10. Jahrhundert gegründete Stadt mit einer schmerzlichen mitteleuropäischen Geschichte, auf Wroclaw, deutsch Breslau, tschechisch Vratislav.

Die erste schlechte Nachricht erreichte Wroclaw am 3. November, eine Stunde vor der Eröffnung der Tagung. Angehörige von drei tschechoslowakischen Bürgerinitiativen, denen es gelungen war, die tschechoslowakischen Grenzwachen zu überlisten oder über die grüne Grenze nach Polen durchzudringen, berichteten: In der Nacht hat die Grenzpolizei der ČSSR an die 200 junge Mitglieder der Charta 77 und anderer unabhängiger Initiativen aus dem Zug gezerrt, um sie an der Reise nach Wroclaw zu hindern. Es ist schon sonderbar: In Böhmen kippt fast jede parteiamtliche Maßnahme entweder ins Lächerliche oder ins Absurde um, und so geschah es auch am 3. November: Zum erstenmal seit Kriegsende hat die ČSSR die Grenze nach Polen geschlossen. Zugleich aber wurde sie im Norden und im Süden für einige tausend DDR-Bürger weit aufgemacht. Die zeitgenössische mitteleuropäische Geschichte spielte wieder einmal verrückt: Auf ihrem Umweg über Dresden nach Wroclaw begegneten die jungen Tschechen Hunderten von vollbesetzten Trabis auf der Fahrt über die ČSSR nach Bayern.

Eine Apothekerin aus Prag erzählte in Wroclaw ein Gespräch mit einer Familie aus Jena auf dem Weg nach Bayern. „Sind Sie tatsächlich das Volk?“ fragte sie. „Wir sind ein Volk auf der Flucht“, antwortete der Familienvater aus Jena. „Und was sind Sie, sind Sie auch auf der Flucht?“ fragte er nach einer Weile. „Nein, wir sind auf dem Weg in die Zukunft.“ – „Und wo liegt Ihre Zukunft?“ – „Das wissen wir noch nicht. Wahrscheinlich werden wir es morgen erfahren.“

Die Prager Polizei beschlagnahmte am 2. November 80 Bilder von 31 tschechischen unabhängigen Künstlern, die in Wroclaw ausgestellt werden sollten. Der Abgeordnete im polnischen Parlament J. Gawlik setzte sich noch in der Nacht in einen Lkw und fuhr nach Prag, um die Bilder mit Hilfe des polnischen Kulturattaches freizukriegen. Der für die Inhaftierung von Kunstgegenständen zuständige Geheimpolizist soll in Prag den Polen erklärt haben: „Diese Bilder könnten in Wroclaw die innere und die äußere Sicherheit der ČSSR gefährden. Bis zum 7. November bleiben sie beschlagnahmt, basta!“ Die Vernissage in der Galerie Zero fand trotzdem statt. An den Wänden hingen leere Rahmen mit Namen von Künstlern und ihren Werken, die in Wroclaw nur im Geist dabeisein durften. Der Katalog dieser nicht stattgefundenen Ausstellung erreichte schon am Abend des 3. November den stolzen Preis von 300 Mark.