Von Joachim Rücker

Im April 1990 tritt in New York, wieder einmal eine Sondergeneralversammlung der Vereinten Nationen zur internationalen wirtschaftlichen Zusammenarbeit und zur Wiederbelebung des Wachstums in den Entwicklungsländern zusammen. Dabei wird es in erster Linie um Themen wie Handel und Verschuldung, aber auch um die öffentliche Entwicklungshilfe gehen. Ihr Anteil an den Nettofinanzströmen in die Entwicklungsländer ist angesichts rückläufiger privater Leistung auf über fünfzig Prozent gestiegen, in manchen Ländern Afrikas beträgt er bis zu hundert Prozent. Ist öffentliche Entwicklungshilfe wirksam, nutzlos oder schädlich? Die Frage ist nicht neu, sie wird aber vor dem Hintergrund der vor allem in Afrika ausbleibenden Erfolge intensiver als bisher diskutiert.

Zu den bekanntesten Kritikern der staatlichen Entwicklungshilfe gehören der britische Wirtschaftsprofessor Lord Bauer und Brigitte Erler, Generalsekretärin der deutschen Sektion von Amnesty International, ehemals Referentin im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Sie haben in der Öffentlichkeit beachtliches Gehör gefunden. Ihre Ansätze sind unterschiedlich: Der neoliberal denkende Bauer analysiert die „Makro-Ebene“ wirtschaftspolitischer Zusammenhänge, wenn er folgert: Wo die politischen, gesellschaftlichen, kulturellen und administrativen Voraussetzungen für eine Entwicklung gegeben sind, findet Entwicklung auch über eine kommerzielle Kreditfinanzierung statt. Wo diese Voraussetzungen fehlen, nützt auch staatliche Entwicklungshilfe nichts, weil sie nicht sinnvoll verwendet wird. Brigitte Erler, gewiß keine Neoliberale, bewegt sich auf der „Mikro-Ebene“ der Entwicklungsprojekte, deren Wirkung sie am Beispiel deutscher Projekte in Bangladesch so beschreibt: „Immer wieder stieß ich auf das Phänomen, daß wir einen Mißstand zu beheben suchen und dadurch nichts als Unheil stiften, weil unsere Analyse soziale und vor allem politische Bedingungen außer acht läßt.“

Tatsächlich berühren sich die so unterschiedlichen Standpunkte von Professor Bauer und Brigitte Erler zumindest in der Distanzierung von der Projektidee – der klassischen Form der Entwicklungszusammenarbeit. Dabei hat diese Idee ihre ursprünglich einfachen Kausalketten (nach dem Motto: Mißstand – Eingriff – Erfolg) weit hinter sich gelassen. Heute wird durchaus in gesellschaftlichen Zusammenhängen gedacht, neue und anspruchsvolle politische, makroökonomische, kulturelle und ökologische Rahmenbedingungen werden in die Projektplanung einbezogen. Dahinter steht allerdings die Annahme, daß eine derart anspruchsvolle Planung das erreichen könne, was einfachen Projektansätzen nicht oder nur zum Teil gelang.

Die Annahme ist problematisch. Staatliche projektorientierte Entwicklungszusammenarbeit bedeutet praktisch nicht nur die bewußt oder unbewußt interessengeleitete Einflußnahme der Geber auf die Nehmer bei Projektauswahl und -realisierung. Sie bedeutet vor allem auch geteilte und damit vielfach diffuse Verantwortung für den Projekterfolg.

In vielen Entwicklungsländern leistet eine Mehrheit der westlichen Industrieländer projektorientierte Entwicklungshilfe, ergänzt durch die Bestrebungen zahlreicher nichtstaatlicher Organisationen (deren Projekte oft anders zu beurteilen sind als die hier erörterten). Es leuchtet unmittelbar ein, daß allein aufgrund der Vielzahl der Geber die geforderte Koordinierung aller Projekte über Ansätze in Richtung auf regionale oder sektorale Spezialisierung noch kaum hinauskommen konnte.

Hält man sich dazu die Vielzahl der das Projektumfeld und damit den Projekterfolg beeinflussenden politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Faktoren einmal vor Augen, so mutet die Übernahme von Mitverantwortung für das an vorrangigen Zielen wie Armutsbekämpfung gemessene Gelingen ganz konkreter Projekte kühn an. Der möglicherweise zu pauschale Befund von Brigitte Erler kann nicht mehr überraschen.