Endlos wirkende Heideflächen mit kleinen Teichen, langgestreckten Hecken und spärlichem Waldbewuchs – erste Impressionen aus dem Herzen Frankreichs, typische Landschaftsmerkmale der beiden Gebiete Poitou und Berry. La France profonde nennen die Franzosen bisweilen etwas abschätzig diesen vergessenen Teil im Zentrum der Republik, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Wie seit eh und je bemühen sich auch heute noch die einheimischen Bauern, dem dürftigen Boden etwas abzuringen; abgesehen von einigen Porzellan-, Handschuh- und Teppichwebbetrieben gibt es dort so gut wie keine Industrie. Junge Menschen auf Arbeitssuche ziehen daher in der Regel nach Paris, die Alten bleiben zurück.

Die Schriftstellerin George Sand verklärte in ihren Werken noch die unverfälschte, ländliche Idylle des 19. Jahrhunderts mit ihrem einfachen und aufrichtigen Menschenschlag, den berrichons, wie die Einwohner des Berry genannt werden. Im benachbarten Poitou entstand im Mittelalter die Legende der geheimnisvollen Meerfee Melusine, die Landesherr und Bauern stets rechtzeitig vor drohendem Unheil warnte. Den folgenschwersten Fluch des Industriezeitalters hat wohl auch das hilfsbereite Fabelwesen nicht vorausgeahnt: die Landflucht, die in den vergangenen Jahrzehnten vor allem im Herzen Frankreichs ganze Landstriche entvölkert hat.

Immer mehr Landwirte haben ihre Höfe aufgegeben, die Zahl der brachliegenden Acker nimmt ständig zu. Sinkende Ernteerträge und Milchquotenregelung haben die Existenzbedingungen nachhhaltig verschlechtert und den Bauern diese Entscheidung erleichtert. Denn mit wohlschmeckender Poitou-Butter – in Frankreich ein sehr geschätzter Markenartikel – und einer beeindruckenden Palette von Ziegenkäse läßt sich eben heute kein Vermögen mehr verdienen.

Seit Beginn der achtziger Jahre aber gibt es eine Gegenbewegung. Immer mehr Landwirte aus Mittel- und Nordeuropa ziehen in diesen Teil Frankreichs, in dem Pacht- und Mietpreise für bäuerliche Anwesen (noch) weit unter dem Niveau ihrer Heimatländer liegen.

So hat sich die Familie Nüssle aus dem schwäbischen Aulendorf (Landkreis Ravensburg) in der kleinen Ortschaft Le Puy-Girault (Berry) niedergelassen. Karl und Anita Nüssle, beide Mitte dreißig, pachteten 212 Hektar Land, auf dem sie Mais und Soja anbauen. Daneben bearbeitet Karl Nüssle im Lohnverfahren 25 Hektar Ackerfläche seines Nachbarn.

Zu Hause, im Schwäbischen, hatte er eine Pachtfläche von vierzehn Hektar bewirtschaftet. Den Lebensunterhalt seiner Familie konnte er damit freilich nicht bestreiten. Chronische Geldknappheit brachte das Ehepaar schließlich auf die Idee, doch einfach auszuwandern. „Wir hatten uns schon überlegt, ob wir nach Kanada, Australien oder sogar Afrika gehen sollen“, erinnert sich Karl Nüssle, „denn in Deutschland muß man schon eigenes Gelände besitzen, sonst kann man seinen Traum vom Landwirt am besten gleich aufgeben.“

In einer Fachzeitschrift stieß er auf ein verlockendes Pachtangebot im Berry. „Als ich die im Vergleich zur Bundesrepublik wesentlich günstigeren Preise sah, war mein Entschluß schnell gefaßt“, sagt er. Runde tausend Mark kostet ein Hektar Ackerfläche heutzutage in der Bundesrepublik, im Herzen Frankreichs nur etwa ein Zehntel dieser Summe.