Von Jürgen Verdofsky

HAMBURG. – Nach dem Zeitpunkt meiner Rückkehr in die DDR werde ich in diesen Tagen häufiger gefragt. Hämisch ist diese Frage wohl kaum. Ich verstehe sie wohlmeinend in zweierlei Hinsicht. Es ist schon faszinierend, wie die Mach – der Straße die Macht einer Herrschaftszentrale bindet. Was 1968 im Westen aufbrach, wird hier real. Damit scheinen sich große Möglichkeiten der Veränderungen zu ergeben. Und zugleich fühle ich mich als engagierter Bürger herausgefordert; welche Versuchung.

Als Entgegnung fällt mir ein Kuriosum der klassischen Rechtsgeschichte ein – das Verdikt des altgriechischen Gesetzgebers Solon, wonach alle, die bei Bürgerunruhen nicht Partei ergriffen, als Niederträchtige geächtet werden sollten. Dem lag die Erfahrung zugrunde, daß in einem durch öffentliche Konflikte zermürbten Stadtstaat die „klügeren Leute“ lieber die Entwicklung abwarteten und sich dann auf die Seite der Sieger schlugen. In der DDR würde die Berufung auf diese alte Regel jetzt als ungewöhnlich angesehen; die Klügeren halten sich hier nicht mehr zurück.

Wer auch immer in den letzten vierzig Jahren aus der DDR auszog, hat natürlich Partei ergriffen. Zwar nicht unbedingt für ein anderes System, aber für die Freiheit, sich selbst zu helfen.

Ein Künstler mißt sein Leben daran, in welchem Maße er kreativ sein kann. Und diese Kreativität ist nicht an ein System gebunden. Sie kann ebenso in einer Diktatur erblühen wie in einer Marktwirtschaft versiegen und umgekehrt. Der Künstler nimmt ein selten benanntes Grundrecht in Anspruch: seinem Selbstverständnis von geistiger und künstlerischer Produktion folgen zu können. Jaspers und Furtwängler verließen Deutschland nach 1945 nicht aus Opportunismus oder der besseren Lebensmittelversorgung in der Schweiz wegen. Bloch und Hans Mayer haben gezeigt, daß ein Grenzwechsel nicht auch einen Wechsel der eigenen Denkkultur bedeuten muß.

Wohlgemerkt, geistiger und künstlerischer Anspruch ist kein Schutzschild für Unentschlossenheit. Ich hatte mich ja in der DDR politisch eingelassen. Meine Hoffnung auf eine sozialistische Alternative nach Ulbrichts Abgang wurde jedoch von der fünfzehnjährigen Stagnation unter der Honecker-Administration aufgezehrt. Deswegen bin ich im Mai dieses Jahres gegangen. Heute zeigt mir die eigene Aufregung über die Montags-Demonstrationen und die basisdemokratischen Denkschriften, wie tief diese Hoffnung gesessen hat.

Aber eine Erfahrung zügelt meine Begeisterung: Honeckers Flügelmänner haben ihren Lenin gelernt. Und sie vergessen über dem Dialog mit Basisdemokraten und Parteigruppen die Machtfrage nicht. Der eigentliche Machtkampf steht noch aus. Die SED weiß, daß der Gipfel der Krise noch vor ihr liegt.