Von René Brunner

Das Immobilienbüro Somaprim im französischen Badeort Le Touquet vermeldet seit diesem Frühling Hochkonjunktur. „Die kaufen alles, was zu haben ist“, freut sich Liegenschaftenhändler Oscar Coppee. „Bauland, Eigentumswohnungen, Strandhäuser und Farmen, renovierungsbedürftige Landhäuser, ehemalige Tierställe und verlotterte Schlößchen. Auch der Golfplatz und das Kasino gehören ihnen. Nun planen sie sogar zwei Hotels.“

Sie – das sind die „Rosbifs“ von der anderen Seite des Ärmelkanals, die zur zweiten Invasion in der Normandie angesetzt haben. Seitdem die Bauarbeiten für den Eurotunnel zwischen Calais und Folkstone unwiderruflich begonnen haben, sind sich Tausende von Englandern bewußt geworden, daß die für ihre Verhältnisse spottbillige Region im äußersten Norden Frankreichs durch die Eisenbahnverbindung auf zwei bis drei Stunden Fahrzeit an London heranrücken wird. Die spürbare Verbesserung der Schiffsverbindungen nach St. Malo, Cherbourg, Le Havre und Diepe tragen das Ihre dazu bei, daß die Briten in Scharen beim Old enemy kaufen, was in ihrer Heimat unerschwinglich ist: ein sweet home fürs Wochenende. „Hier kostet das Land zwei- bis dreimal weniger als bei uns“, sagt Clive Edwards, der sich in Montreuil-sur-Mer den Traum vom eigenen Wochenendhäuschen verwirklicht hat.

Neu ist das Interesse der Inselbevölkerung an den brachliegenden Landreserven im unterbevölkerten Norden Frankreichs nicht. War es bisher die englische Oberschicht, die vor allem in der Normandie und der Bretagne nach dem typischen french cottage Ausschau hielt und sich ausgesprochen wählerisch beim Kauf der Objekte zeigte, überschwemmt nun die Mittelklasse den Immobilienmarkt: „Sie kommen, sie sehen, und sie kaufen“, berichtet ein Reporter des Londoner Sunday Express. „Während die Franzosen am Freitagabend noch vor ihrem Pernod sitzen, durchstreifen die englischen Immobilienjäger, das Scheckbuch nur locker im Halfter, bereits die Landschaft zwischen Bretagne und Pas-de-Calais und sagen bei jeder Gelegenheit den einzigen Satz, den sie auf französisch erlernt haben: J’aimerais acheter votre maison, Monsieur (Ich würde gerne Ihr Haus kaufen, Monsieur.)

Wer zurückkauft, was Jeanne d’Arc den Vorfahren vor 400 Jahren entrissen hat, entstammt mehrheitlich der neureichen Aufsteigerklasse, die es unter Margaret Thatcher zu gewissem Wohlstand gebracht hat. Das Geld reicht indessen selten zum Kauf eines Hauses in der Heimat. Da verlocken die günstigen Landpreise ebenso zum Sprung über den Kanal wie die Abenteuerlust und die Aussicht, am Wochenende à la française dinieren zu können. Trotz der Explosion der Preise und des Wertverlustes des Pfundes ist der Kaufrausch ungebrochen. Eine stattliche Zweitresidenz im Landesinneren war vor einem Jahr noch für 500 000 Franc zu haben. Inzwischen sind die Preise bis auf zwei Millionen Franc geklettert. Trotzdem sind sie immer noch bedeutend günstiger als vergleichbare Objekte im ebenso weit von London entfernten Kent oder Sussex.

Statistiken über das Ausmaß der Kaufwut, die mit dem Baubeginn des Eurotunnels im vergangenen Oktober einsetzte, gibt es noch keine. „Früher verkaufte ich zwei bis drei Häuser pro Jahr an die Briten“, sagt Jean-Louis Bergouinoix, ein Immobilienhändler in Le Touquet. „Heute mache ich das in einer Woche.“ Die befragten Notare vermelden bis zu dreimal mehr Geschäftsabschlüsse als noch vor Jahresfrist. Die Firma SLE verkaufte in Rekordzeit die erste Tranche der 120 Eigentumswohnungen, die sie in der Großüberbauung „West Green“ in den Dünen von Le Touquet aus dem Boden stampft: 52 Prozent der Kunden kommen von der anderen Seite des Kanals. Der britische Ferienkonzern Brent Walker plant im selben Ort eine Monsterüberbauung mit tausend Eigentumswohnungen. Vierzig Prozent der Besitzer sollen Untertanen Ihrer Majestät sein.

Hinter dem Immobilienboom stehen hauptsächlich englische Makler, die mit modernsten Verkaufsmethoden die Kundschaft über den Kanal locken. Im Gratisanzeiger The Magazine of French Living bieten die Verkäufer den Interessenten gleich ganze Videokassetten mit den Angeboten frei Haus. Auch die franzosischen Händler haben inzwischen geschaltet und verfassen ihre Anzeigen zweisprachig. Selbst die Behörden folgen dem Trend: „Welcome to the Montreuil district“, grüßt ein Transparent am Eingang des Dorfes Montreuil-sur-Mer.