Der Autor dieses Beitrags, seit sieben Jahren ZEIT-Redakteur, ist Schweizer. Sein Blick auf die Bundesrepublik ist wohlwollender als das Urteil der einheimischen Kritiker.

Von Roger de Weck

Die Briten, die Franzosen, die Spanier, die Italiener – sie kennen die Zukunft ihres Landes. Im Lauf der Zeit wird sich Großbritannien verändern, aber nicht verwandeln. Das wechselhafte Frankreich wird wie eh und je sich selber ähneln. Spanien wird Spanien bleiben. Italien wird sich bei aller Unstetigkeit die Treue halten.

Darin liegt der Unterschied zwischen der Bundesrepublik und allen anderen westeuropäischen Staaten: Der Rahmen der Nation ist nicht abgesteckt, geschweige denn festgefügt. Hierzulande kann niemand erahnen, welche Verhältnisse in zwei, fünf oder zehn Jahren herrschen werden. Niemand wußte vor zehn, fünf oder auch nur zwei Wochen, daß die Bundesrepublik so aussehen würde, wie sie jetzt aussieht. Da waren die Hoffnungen auf "Wandel durch Annäherung" bitter enttäuscht worden, und plötzlich brach die große Annäherung aus.

Neue Zeiten prägen bereits das Straßenbild: Die Trabis sind da und setzen allenthalben ihre Duftmarke; die Menschen sind da, andere Deutsche aus dem anderen Deutschland; die Läden bleiben offen, das Pflaster lebt auf. Und drinnen, in ihren Wohnstuben, sind es nun die Westdeutschen, die allabendlich, wo sie dies technisch können, vor dem Fernseher Republikflucht begehen und ihren Heißhunger nach Bildern von drüben stillen.

"Die Geschichte ist in unseren bundesrepublikanischen Alltag eingebrochen", schreibt der Grüne Joschka Fischer. Deutsche Kriege waren Weltkriege, deutsche Geschichte ist – auch heute wieder – Weltgeschichte. Nicht nur die DDR, sondern auch die Bundesrepublik geht schwierigen und wohl auch gefährlichen Zeiten entgegen. Die Westdeutschen aber – sie sind so zuversichtlich wie noch nie; sie bleiben gelassen.

Natürlich kennen die bundesdeutschen Zeitungen nur das eine, überwältigende Thema, aber in den ausländischen Blättern sind die Schlagzeilen meist noch größer, noch fetter. Natürlich stieg eine überschwengliche Wiedersehensfeier, doch ohne die Spur einer nationalistischen Aufwallung. Natürlich zanken die Politiker und zeihen einander des "Versagens" in historischer Stunde; freilich ist auch das nichts anderes als ein Zeichen unerhörter Normalität.