Washington: Das neue Europa mitgestalten – aber es fehlt an Geld und Plänen

Von Ulrich Schiller

Washington, im November

Der große Knall, the big bang, mit dem in der Sprache der Physiker die Schöpfung begann – das ist der Zusammenbruch der Berliner Mauer für die Geburt einer neuen Welt, der Welt nach dem Kalten Krieg. So jedenfalls beschrieb dieser Tage ein Europaexperte im State Department seine Empfindungen. Viele Amerikaner teilen solche Gefühle im Positiven wie im Negativen. Daß der Uberwindung der Teilung Europas die Wiedervereinigung Deutschlands folgen wird, gilt in Washington als sicher, zumindest als höchstwahrscheinlich. Und Wirtschaftsanalytiker erkennen am Horizont der neunziger Jahre schon eine neue Supermacht. Gemeinsam würden die beiden Teile Deutschlands die europäische Einigung und zugleich die Öffnung der Märkte Osteuropas zu nutzen wissen. Aber wo, so rätseln die Amerikaner, bleiben bei der Gestaltung der zweiten europäischen Nachkriegswelt die Vereinigten Staaten, die doch so entscheidenden Anteil beim Aufbau der ersten hatten? Sind sie nur noch gut als Garant für die Abschreckung?

Freude und Jubel der Amerikaner über den Aufbruch in Osteuropa zu Freiheit und Demokratie kamen und kommen aus vollem Herzen. Doch in die Euphorie mischen sich Unruhe und besorgte Fragen. Angesichts einer noch ungewissen neuen Rolle bezweifeln nicht wenige Amerikaner, daß ihr Land die neuen Aufgaben bewältigen kann. Mancher argwöhnt gar, die Vereinigten Staaten könnten als "Großmacht im Abstieg" an den Rand des Geschehens gedrängt werden. "Welche Zukunft haben die bewährten transatlantischen Institutionen?" fragt Raymond Seitz, der neue Abteilungschef für Europa und Kanada im State Department. Und: Wie verhalten sich Wandel und Stabilität zueinander? Welche Absichten hegt die Sowjetunion langfristig, und wo liegen die Grenzen ihrer Reformpolitik? Seitz hängt solchen Fragen noch die kundige Warnung an, daß auch allerlei "Geister der Vergangenheit jetzt vom Dachboden herabsteigen" würden. Er denkt an nationalistische Strömungen und an die Probleme, welche die deutsche Frage noch aufwerfen wird.

Dennis Ross, der Planungschef im Außenministerium, hat keine Hemmungen, seinem Besucher in allem Freimut einzugestehen, wie gering er angesichts der großen und beinahe stündlichen Veränderungen die eigenen Kräfte und Möglichkeiten empfindet, wenn ihn jemand bittet, er möge, bitte schön, einmal ein Szenario für die Zukunft Europas entwerfen. Der 41jährige Ross, dessen Geburtsjahr mit dem Beginn des Marshallplans zusammenfiel, sieht zwischen damals und heute Verwandtes nur in der Größe der Aufgabe. Ansonsten warnt er jedoch vor Parallelen und Analogieschlüssen: "Aus dem Zweiten Weltkrieg ist Amerika politisch, wirtschaftlich und militärisch mit beispielloser Macht hervorgegangen. Heute haben wir diese Macht nicht mehr."

Und wie zur Illustration solcher Einsichten verkündete nun Verteidigungsminister Richard Cheney den sensationellen Plan, die Verteidigungsausgaben in den nächsten fünf Jahren um 180 Milliarden Dollar zu kürzen – unter dem Zwang der Haushaltsdefizite sowie angesichts der Tatsache, daß der Warschauer Pakt "a different animal", ein anderes Tier, geworden sei. Außenminister Baker schließlich befand: "Dies ist die erste amerikanische Regierung seit dem Krieg, die sich mehr mit den Konsequenzen aus dem Ende des Kommunismus als mit der Bedrohung durch den Kommunismus befassen muß." Auf die von ihm selbst formulierte Frage, ob dafür ein Plan in der Schublade liege, antwortete Baker nur: "Niemand war je mit dieser Lage konfrontiert. Die Aufgabe vernünftig zu bewältigen erfordert beträchtliches Managementgeschick." Mehr nicht? Die Bevölkerung jedenfalls zeigte weitaus mehr Empathie als ihr Außenminister; und die US-Medien, die pausenlos von den Schauplätzen Mitteleuropas berichteten, nährten die Spannung.