Die ZEIT-Umfrage, achte Folge

Horst Bienek: Bitte keine Utopie

Nicht mit Coca-Cola – noch gar mit McDonald’s-Filialen kann man dem Sozialismus zu Leibe rücken. Auch die russische Kultur wird dadurch nicht verändert. Von der russischen Eßkultur gar nicht zu reden, die einmal eine große war. Aber das ist schon lange her. Der Niedergang der russischen Küche und der Moskauer Restaurants ist eine eigene Tragödie.

Doch bleiben wir konkret. Jetzt geht es darum, daß die Moskauer für zwei Rubel ein Stück Fleisch zwischen die Zähne bekommen. Und das hatten sie schon lange nicht. Denn sonst müssen sie in langen Schlangen vor Fleischerläden warten, um durchfettetes Schweinefleisch kaufen zu können. Meistens ist der Laden leer, wenn man endlich drankommt.

Mit Sozialismus oder Kapitalismus hat das alles nichts zu tun. Man sollte überhaupt mit dem Wort, dem Begriff Sozialismus behutsamer umgehen. Besonders bei uns im Westen. In Moskau redet ohnehin niemand mehr davon. Und jetzt auch niemand mehr in der DDR. Wer nimmt das nicht alles so ungeschützt in den Mund?

Es gibt keinen Sozialismus, auch keinen mit dem menschlichen Antlitz. Denn der Sozialismus ist eine blutige, mörderische Fratze. Er stellt das Wohl der Partei, der Planwirtschaft, die Macht der Herrschenden, eine noch so diffuse Ideologie über das Wohl des Menschen.

Der Sozialismus – das sind dreißig Millionen Menschen, die in der Sowjetunion seit 1925 umgebracht wurden. Stalin ist kein Unfall der Geschichte (ebensowenig wie Hitler). Jede Woche finden die Mitarbeiter von „Memorial“ (einer Gruppe zur Untersuchung der stalinistischen Verbrechen in Moskau) bei Minsk neue Massengräber. Der Sozialismus hat in Ungarn, in Polen, in der Tschechoslowakei, in den baltischen Ländern, ja auch in der DDR Unterdrückung gebracht, Opfer an Menschen, an Ideen, an gutem Willen. Das wird einfach, verdrängend, Stalinismus genannt. Stalin gibt es nicht mehr. Aber die Unterdrückung gibt es noch. Die Menschen in der DDR wollen nicht nur etwas mehr Wohlstand – sie wollen weg von der Ideologie und der Unterdrückung.