Im Experiment eines demokratischen Sozialismus liegt eine Chance für den anderen deutschen Staat

Von Erhard Eppler

Willy Brandt hat uns rechtzeitig darauf aufmerksam gemacht, daß die Vokabel "Reform" verharmlose, was heute zwischen Bug und Pazifik, aber auch zwischen Bug und Elbe geschieht. Reformen sind Veränderungen und Anpassungen innerhalb eines Machtsystems. Wo eine neue gesellschaftliche und politische Ordnung aufgerichtet, die Macht ganz neu verteilt wird, ist Revolution im Gange, auch und gerade dann, wenn dies ohne Blutvergießen gelingt. Wahrscheinlich vollzieht sich in der DDR in diesem Herbst die friedlichste, disziplinierteste, erfolgreichste Revolution der deutschen Geschichte.

Die Umwälzung im östlichen Mitteleuropa wurde ausgelöst – keineswegs verursacht – von zwei Entscheidungen des Moskauer Politbüros, die zwar zusammenhängen, aber durchaus nicht zwingend zusammengehören:

1. in der Sowjetunion mit dem stalinistischen Gesellschaftsmodell Schluß zu machen und

2. den anderen Mitgliedern des Warschauer Paktes für die Wahl ihres Modells freie Hand zu lassen.

Seit die Ungarn, ermutigt von Glückwünschen aus Moskau, die Volksrepublik abgeschafft, die Republik mit der alten Flagge ausgerufen und den Jahrestag des Aufstands von 1956 zum Feiertag erhoben haben, seit ein sowjetischer Außenminister einen katholischen Premier in Polen der Freundschaft des großen Nachbarn versichert hat, seit in Moskau die Öffnung der deutsch-deutschen Grenze begrüßt wurde, sind Zweifel an der zweiten Entscheidung nicht mehr erlaubt.