Es war nicht leicht, Billy Wilder im großen Versteigerungssaal von Christie’s an der Park Avenue auszumachen. Weder Hollywood-Stars noch andere bekannte Persönlichkeiten dienten als Wegweiser zur Auktion, die am Montag vergangener Woche mit 93 Bildern und Skulpturen den internationalen Kunstmarkt bereichern sollte. Weniger verwunderlich war es, den 83jährigen Hollywood-Regisseur inmitten einer deutschen Gruppe zu entdecken. In den USA gehört der Autor von 32 Filmen längst zur Geschichte, in Europa dagegen wird der sechsfache Oskar-Gewinner als Ikone verehrt. Vor allem für deutsche Filmemacher bleibt das einstige Enfant terrible der amerikanischen Traumfabrik noch immer ein Vorbild bei ihren eigenen Versuchen, die europäisch geeichte Gesellschaftskritik mit Humor und zynischem Witz im amerikanischen und damit im internationalen Markt durchzusetzen.

Volker Schlöndorff, der gerade ein fünfstündiges Wilder-Portrait für das deutsche Fernsehen abgeschlossen hat, hielt eine Videokamera auf die gedrungene Figur Wilders, wie sie sich über den Katalog beugte, um in atemberaubender Schnelligkeit sechs- und siebenstellige Zahlen unter seine verkauften Picassos, Schieles, Mirós und Moores zu setzen. Und Spiegel- Redakteur Hellmuth Karasek, der im nächsten Herbst eine Wilder-Biographie auf deutsch mit einer englischen Simultanübersetzung herausbringen will, schien den alten Herrn auf seine joviale Art bei Laune zu halten, wenn der Hammer, wie etwa bei Paul Klees „Haus am Wasser“, nach einem letzten fair uarning schon bei 706 000 Mark auf die Kanzel knallte. Billy Wilders elegante, esoterisch-schöne Frau verfolgte das Bieten auf dem Bildschirm im Nebenraum, wo, wie auch im Saal, selbst Stehplätze oft nur mit der Ellenbogentaktik zu ergattern waren. Wahrscheinlich konnte sie den Anblick der endgültigen Trennung zwischen Billy und seinen Lieblingen nicht mit ansehen.

Dabei, so hatte er in mehreren Interviews erklärt, freue er sich besonders darauf, selber noch an der Auktion teilnehmen zu können. In einer Zeit „unrealistisch“ hoher Preise wolle er genießen, was dem 1987 gestorbenen Künstler Andy Warhol bei der Versteigerung seines Nachlasses versagt blieb: „Wie sich diese Idioten um seine Keksdosen für 10 000 Dollar geprügelt haben.“

Eine Wiederholung jener Zirkusvorstellung, bei der Sparschweine aus Bakelit als Warhol-Schrein in die trendigen Stuben der New Yorker katapultiert wurden, blieb dem Regisseur von „Manche mögen’s heiß“ an „seinem“ Abend in Manhattan erspart. Im Gegenteil. Die Atmosphäre während der zweistündigen Versteigerung blieb ernst, sehr kühl, wie es bei großen Geschäftsabschlüssen üblich ist. Schuld dafür muß Wilder seinem hervorragenden Auge geben. Er hat auf seine eigenbrötlerische Art immer auf erste Qualität gesetzt.

„Unglaublich viele Profis“ erkannte die Kunstexpertin der New York Times unter den Besuchern. Die Kunsthändler-Elite aus Houston, London und Zürich war gekommen und auch die Japaner, ein stetig wachsendes Kontingent. In Grüppchen hockten sie zusammen, überließen einem westlichen Makler das Bieten, während sie an der Strippe nach Tokio hingen. Erst ein paar Tage zuvor hatte ein japanischer Händler den Preisrekord für das Werk eines noch lebenden Künstlers gebrochen. Bei einem Schätzwert von sechs Millionen Dollar ersteigerte er Willem de Koonings „Interchange“, 1955 entstanden, für 20,7 Millionen Dollar. So waren alle Anzeichen dafür gegeben, daß in dieser erneuten Hausse im Kunstmarkt auch Billy Wilders Privatsammlung schwindelerregende Preise erzielen würde.

Doch dann kam es zu einem Finale, wie es in einem Wilder-Skript nie gestanden hätte: Die Überraschung blieb aus. Sein Wohn- und Schlaf – zimmerwandschmuck ging mit einem Ticket auf Weltreise, wie es von den Buchmachern bei Christie’s als oberste Grenze (bis auf eine Million ackurat) geschätzt worden war: für 32,6 Millionen Dollar. Ja, er sei zufrieden, doch werde er vielleicht morgen schon wieder eines der Bilder zurückkaufen, meinte Billy Wilder mit einem Augenzwinkern hinter der dicken Brille, als er im Schlepptau seiner deutschen Freunde hastig und an den vielen Kameras vorbei durch die Hintertür entschwand. Aus der von ihm im voraus angekündigten großen Fete wurde ein Souper in kleinem Kreis. Allein der Besuch bei den Juwelieren der Fifth Avenue stand fest auf dem Programm für den nächsten Tag – das hatte der lebenslang sammelwütige Wilder seiner Frau versprochen. Denn wie immer es auch gerade um die Familienfinanzen gestanden hatte, Billy Wilder investierte mindestens ein Drittel seiner Einkünfte in seine Lust an der Kunst. Er sei eigentlich ein Horter und kein Sammler, hat er einmal gesagt – eine Behauptung, die nach dieser Show als kühne Untertreibung zu gelten hat. Natürlich werden ihm bei der Rückkehr nach Los Angeles keine kahlen Wände entgegenstarren, denn in Speichern und bei Freunden hat er noch unzählig viele Bilder hängen. Seine Freunde wie David Hockney und Saul Steinberg hat er behalten, und seine imposante Sammlung afrikanischer und präkolumbianischer Kunst ist intakt geblieben.

Billy Wilder hat immer behauptet, es sei leichter, in einer weiblichen Umgebung aufzustehen und den Tag zu beginnen; doch nun hat er sich von seinen vielen, vielen Frauen getrennt: von Picassos erster Frau, Olga Kokiowa (4,84 Millionen Dollar), von Balthus’ nacktem Mädchen (2,09 Millionen Dollar), von Kirchners „Zwei Akte auf blauem Sofa“ (1,54 Millionen Dollar). Die fetten Botero-Frauen, die Giacometti-Gazellen, die Grosz-Dirne und die krassen Schiele-Schönheiten – sie alle haben ihn verlassen.