Von Kirsten Hungermann

Es klingt wie ein Märchen aus einer besseren Welt, wenn Dieter Wagner schwärmt: „Den Zielkonflikt zwischen Arbeitnehmern und Unternehmen haben wir aufgehoben.“ So vollmundig spricht der Personalchef des Ludwigshafener Chemiekonzerns BASF freilich nicht von der Arbeitswelt im allgemeinen, sondern von einem knapp drei Jahre alten Experiment: dem Elternund-Kind-Programm seines Unternehmens.

Diese Betriebsvereinbarung zwischen BASF-Unternehmensleitung und Betriebsrat bringt für alle Beteiligten Vorteile. Die Beschäftigten – meist die Frauen – können eine maximal siebenjährige Familienpause machen, ohne dabei um ihre Wiedereinstellung bangen zu müssen, wenn sie in ihren Beruf zurückgehen wollen. Und das Unternehmen kann sich durch dieses Angebot einen Teil seiner qualifizierten Arbeitskräfte sichern.

„Schon vor acht Jahren forderten wir die Familienpause mit Arbeitsplatzgarantie als Fördermaßnahme für Frauen, aber erst vier Jahre später hatten wir den Vorstand so weit, daß er ja sagte“, sagt die BASF-Betriebsrätin Ingrid Reske. Erst die Arbeitsmarktprognosen hätten die Chefetage nachhaltig überzeugt. Personalchef Wagner nimmt die Meriten für die Unternehmensleitung in Anspruch: „Wir wollten mit zeitgemäßer Personalpolitik ein Zeichen setzen, indem wir Kind und Beruf vereinbar machen.“

Die Dreijahresbilanz belegt, daß das Programm für viele Familien Sinn macht. Seit dem Start im November 1986 traten 257 von insgesamt 502 Anspruchsberechtigten nach Ablauf des gesetzlichen Erziehungsurlaubs aus dem Unternehmen aus. Spätestens bis ihr Kind sein erstes Schuljahr beendet hat, steht ihnen ein Arbeitsplatz zu, der ihrer früheren Tätigkeit vergleichbar ist; auch die Vergütung entspricht nach der Probezeit wieder der früheren Lohngruppe – Kündigung während der Probezeit natürlich nicht ausgeschlossen. Kommt ein weiteres Kind, so kann die Frist bis auf maximal zwölf Jahre ausgedehnt werden. Was so familienfreundlich klingt, hat aber einen Haken: Man muß sich das Pausieren leisten können. Denn Geld von der Firma gibt es nicht – „das käme uns viel zu teuer“, sagt Personalchef Wagner.

Alternativ haben die Beschäftigten bei BASF nach Ablauf des gesetzlichen Erziehungsurlaubs von gegenwärtig fünfzehn Monaten eine Option auf verkürzte Arbeitszeit. Vorausgesetzt, sie können eine Betreuung ihrer Kinder organisieren, nützt diese Regelung den Frauen (und auch Männern), die mit reduzierter Stundenzahl weiterarbeiten wollen oder aus finanziellen Gründen müssen. Alleinerziehenden, die sich und ihr Kind selbst ernähren müssen, ist jedoch genausowenig geholfen wie den Paaren, die ihren Lebensunterhalt nur mit zwei Vollverdienern bestreiten können. Immerhin haben sich 153 von 502 Arbeitnehmern bei BASF nach Ablauf des gesetzlichen Erziehungsurlaubs entschieden, in unterschiedlichen Teilzeitmodellen nur noch zwanzig Stunden pro Woche zu arbeiten, um mit ihrem Kind mehr Zeit verbringen zu können. Obwohl Väter in die Vereinbarung ausdrücklich eingeschlossen sind, trennen sich selbst unter gesicherten Bedingungen nur wenige von ihrem Job: Lediglich fünf Männer nahmen bei BASF bisher das Angebot an, weniger Stunden oder einige Zeit gar nicht zu arbeiten.

Die anderen großen Chemieunternehmen haben ähnliche Programme – weil die chemische Industrie auch einmal positive Schlagzeilen machen will, wie Kritiker behaupten. Tatsache ist: Für Großunternehmen dieser Branche, deren Frauenanteil unter zwanzig Prozent liegt, bedeuten solche Regelungen kein Risiko. Denn mit etlichen 10 000 Arbeitsplätzen und der entsprechenden Fluktuation in Verwaltungsetagen und Labors haben sie genug Spielraum, um die tatsächlich Rückkehrwilligen problemlos wieder einzustellen. Nicht umsonst hat beispielsweise BASF seine Pharmazie-Tochter Knoll von der abgesicherten Freistellung ausgeschlossen. Hier ist der Frauenanteil hoch, unter den Frauen dominieren die ohne qualifizierte Ausbildung, und „ob deren Arbeitsplätze in sieben Jahren noch da sind, ist unklar“, kommentiert BASF-Personalchef Wagner.