Von Hans Harald Bräutigam

Schwermut, die schicksalhaften Untergang ahnt, wird schon seit der Antike mit tödlicher Krebserkrankung in Verbindung gebracht. Die Vermutung des griechischen Arztes Galenus, daß nur melancholische Frauen an Brustkrebs erkrankten, glauben auch heute noch viele. Von der „Krebspersönlichkeit“ wird immer wieder in diffusen Andeutungen gesprochen und die gnadenlose These wiederholt, daß Krankheit auch Schuld sei. Dies mag für viele Zivilisationskrankheiten zutreffen – aber ist die psychische Verfassung tatsächlich Auslöser von Krebserkrankungen?

Bei der Zuordnung seelischer Faktoren zu den Ursachen der Krebsentstehung wird bisweilen rücksichtslos vorgegangen, und zwar sowohl im Hinblick auf die Patienten als auch auf bekannte Fakten. Für den österreichischen Psychoanalytiker Wilhelm Reich beispielsweise ist es gehemmte Sexualität, die zu Krebs führt. Dabei sollten die ihm leichtfertig beipflichtenden Ärzte wissen, daß enthaltsam lebende Ordensschwestern fast niemals an Gebärmutterkrebs erkranken. Die Liste der angeblichen Eigenschaften, die eine Krebspersönlichkeit ausmachen sollen, ist lang. Autoritätsgläubigkeit und Religiosität gehören ebenso dazu wie Ängstlichkeit und Kontaktarmut. Sogar hingebungsvolle Mutterliebe gilt manchen als verdachtig. Der Heidelberger Arzt und Sozialwissenschaftler Reinhold Schwarz weiß von der „Entschlossenheit mancher seiner Kollegen, darauf zu bestehen, daß Krebs eine Erkrankung der Seele sei“.

Die psychosoziale Krebsforschung, eine leider mehr im Verborgenen blühende Forschungsrichtung, hat in den letzten Jahren mit betrachtlichem Aufwand nach den psychischen Faktoren für die Entstehung der Krebskrankheit gesucht. Ihre Hauptschwierigkeit ist das – im Vergleich zur Komplexität der Materie – fast erbärmliche Instrumentarium für eine methodische Forschung. Deshalb müssen die Grundbedingungen für die Lösung einer so anspruchsvollen und schwierigen Fragestellung äußerst sorgfältig beachtet werden, wenn relevante Ergebnisse produziert werden sollen. Horst Scherg vom Institut für Sozial- und Arbeitsmedizin der Heidelberger Universität warnt aus diesem Grunde vor übereilten Schlußfolgerungen. In vielen Studien, die sich mit möglichen seelischen Ursachen der Krebsentstehung befassen, bleibt die zentrale Frage der zeitlichen Abfolge, nämlich wann Risikofaktoren vorlagen und wann genau die Krankheit entstand, ungeklärt.

Für eine Untersuchung über die Entstehung von Krebserkrankungen ist diese Forderung in der Regel gar nicht erfüllbar, da keiner genau weiß, wie und wann die erste Tumorzelle entstanden ist. Und diese kann durchaus jahrelang, zum Beispiel vom umgebenden Zellverband, unter Kontrolle gehalten werden, ehe das schnelle Wachstum schließlich einsetzt. Nicht mit der Diagnosestellung beginnt also die Krankheit, auch nicht mit der sogenannten „Frühdiagnose“. Zu diesem Zeitpunkt kann der Krebs schon lange im Körper sein. Der deutsche Gynäkologe Dieter von Fournier berechnete einen durchschnittlichen Zeitraum für die Verdopplung des Tumorvolumens von 200 Tagen. Da der Ausgangsherd winzig klein ist, mag es Jahre dauern, bis die Krankheit mit den üblichen Mitteln überhaupt nachweisbar wird. Die seelischen Ereignisse müßten aber vor dem bestenfalls zu erratenden Zeitpunkt der Tumorentstehung bekannt sein, um sie mit der wesentlich spater diagnostizierten Krebskrankheit in einen ursächlichen Zusammenhang bringen zu können.

Wenn überhaupt, dann können nur prospektive, also vorausgerichtete Studienansätze, diese Bedingungen erfüllen. Retrospektiv, zurückschauend, angelegte Studien – so sind fast alle Untersuchungen zur „Psychoonkogenese“ angelegt – bergen bei der Datenauswertung die Gefahr in sich, die Ursachen mit den Folgen zu verwechseln. Aber auch bei prospektiven Studien ist der Aussagewert nicht immer zweifelsfrei. Ronald Grossarth-Maticek und seine Mitarbeiter haben dies vor Jahren erfahren müssen. In einer Kohortenstudie wurden 1353 Personen mit Hilfe eines Fragebogens psychologisch untersucht. Zehn Jahre später wurden bei 204 von 1353 Studienteilnehmern Krebserkrankungen festgestellt. Jene, die bei der Fragebogenaktion Hoffnungslosigkeit und Verstimmung geäußert hatten, wurden häufiger krebskrank als die „Fröhlichen“.

Diese Befunde hatten damals großes Aufsehen erregt, schienen sie doch die alte These zu bestätigen, daß das Krebsrisiko von seelischen Störungen abhängen könnte und somit eine Konfliktlösung auch das Krebsproblem vielleicht losen würde. Eine beträchtliche Schar oft selbsternannter Krebsforscher hatte sich rasch diese These zu eigen gemacht. So erfuhren die deutschen Fernsehzuschauer in einer Talkshow von einer mit Röntgenbildern dokumentierten „Heilung“ eines Lungenkrebskranken, dessen Leiden angeblich durch Konflikte am Arbeitsplatz verursacht und durch Lösung dieser Konflikte auch wieder geheilt wurde.