An naßkalten, grauen Novembertagen sind die Wasserhühner auch in den Städten, in denen es große, träge fließende oder stille Gewässer gibt, nicht zu übersehen – also in Hamburg, in Zürich oder Hannover. Wenn es Winter wird, sammeln sie sich zu Hunderten, oft zu Tausenden, und wenn die Alster, der Zürichsee und der Maschsee nicht zufrieren, bleiben sie bis zum März. Die Wasserhühner gehören zur Familie der Rallen; in Deutschland sind vor allem drei heimisch: das Bleßhuhn, das Teichhuhn und das Tüpfelsumpfhuhn.

Was aus der Ferne wie ein großer schwarzer Fleck aussieht, sind Bleßhühner, denn meist schwimmen sie eng beieinander. Das Bleßhuhn – in Berlin sagt man Lietze, am Bodensee heißt es Belche und in Teilen der Schweiz wird es Taucherli genannt – ist fast entengroß, sein Gefieder schwarz, wenn auch schattierend. Der Schnabel ist weiß, und auffallend ist die hellweiße Stirnplatte. Die großen, hohen Füße sind dunkel, die Zehen sehr lang, so daß es an Land eher wie ein Laufvogel aussieht. Setzt es zum Flug an, läuft es eine lange Strecke platschend auf dem Wasser, ehe es scheinbar mühsam an Höhe gewinnt. Doch das Bleßhuhn ist ein Zugvogel, vor dem Winter weicht es nach Süden in eisfreie Gewässer aus. Zugzeit ist des Nachts, und es legt dann beträchtliche Entfernungen zurück. Ein Bleßhuhn, nach der Beringung in Berliner Gewässern, ist vier Tage später mehr als tausend Kilometer entfernt bei Luzern gefunden worden.

Das friedfertige Nebeneinander der Bleßhühner in der kalten Jahreszeit endet Anfang März mit der Balz. Die Hähnchen liefern sich erbitterte Kämpfe. Brutgebiet sind schilfumrandete Seen, Teiche, Tümpel und stille Buchten an den Flüssen. Das Nest aus trockenen Halmen und Rohr wird im Schilf gebaut. Darin liegen fünf bis neun Eier; das Weibchen beginnt schon bei dem ersten Ei zu brüten, so daß die Jungen nacheinander an verschiedenen Tagen schlüpfen. Die Brutzeit dauert 21 bis 23 Tage. Die Jungen können sofort schwimmen und werden, während das Weibchen weiter brütet, vom Männchen geführt. Fast immer kommt es zu einer zweiten Brut, an deren Aufzucht sich dann die älteren Geschwister beteiligen. Bleßhühner ernähren sich von Larven, Insekten, Schnecken, von Wasserpflanzen, von Kräutern und Samen auf den Wiesen. Sie sollen auch Nesträuber sein. Heute sind an vielen Stadtparkseen künstliche Nistmöglichkeiten geschaffen worden, die vor allem vom kleineren Teichhuhn angenommen werden. Und wenn Passanten die Enten mit Brotresten füttern, stellen sich auch Bleßhühner ein.

Als in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts die Seen und Flüsse in fast jedem Winter noch zufroren, gab es an der Havel vor dem Potsdamer Stadtschloß bis hin zur Eisenbahnbrücke eine eisfreie Stelle. Dort überwinterten Schwäne, Stock-Tafel- und Kolbenenten, vor allem aber Wasserhühner zu Hunderten. Von der Stadtverwaltung, aber auch von den Bürgern wurden sie gefüttert, das war Tradition. Zumindest für die Schwäne. In seinen „Wanderungen“ hat Fontane darüber geschrieben, und danach sollen es zu seiner Zeit im Winter bis zu 2000 Schwäne gewesen sein. „Wie mächtige weiße Blumen“, so heißt es bei ihm, „blühen sie über die blaue Fläche [der Havel] hin; ein Bild stolzer Freiheit.“ Und weiter: „Die Schwäne der Havel bilden auch einen Versandartikel. Viele gehen bis nach Petersburg und nach den großen Städten der Union.“ Damit meinte er die USA. Die Wasserhühner, die Lietzen, erwähnt er nicht. Zu seiner Zeit waren sie noch jagdbares Wild, es war der Braten für kleine Leute. Die Lietzen schmeckten nach Tran, sie waren kein Huhn für den Topf.

Das gemeine oder grünfüßige Teichhuhn ist kleiner als das Bleßhuhn und nicht so zahlreich, wenngleich nicht selten. Es meidet offene Gewässer. Es hat grüne Beine, einen roten Schnabel und eine ebensolche leuchtende Stirnplatte, sein Gefieder geht ins Grau mit weißem Flügelrand; wenn es schwimmt oder am Ufer läuft, wippt es unentwegt mit Kopf und Schwanz.

Dritter im Bunde ist das amselgroße, braunweiß-getupfte Tüpfelsumpfhühnchen. Doch wer hat es schon gesehen? Der Hamburger Ornithologe Timmermann schreibt: „Biotop: Sümpfe, Moräste, dichte Vegetation. Es läßt sich lediglich berichten, daß es als Brutvogel bei uns vorkommt und anscheinend nicht übermäßig selten ist. Da dem Eindringen in seine Brutgebiete aber große Schwierigkeiten entgegenstehen, sie andererseits durch Kleinheit und ungemein versteckte Lebensweise meist der Beobachtung entgehen, sind wir in ihrem Falle auf bloße Zufallsfunde angewiesen.“ Das ist vor 35 Jahren geschrieben worden. Für Sümpfe und Morast ist in einem ordentlichen Land kein Platz geblieben – und so gerieten das Tüpfelsumpfhühnchen und das ebenso heimliche kleine Sumpfhuhn auf die Liste der Vögel, deren Chance zu überleben bei uns gering geworden ist.