Jene ungarischen Staatsbürger, die in den vergangenen Jahrzehnten vom Westen gelobt wurden, wurden – mit Ausnahme von János Kádár und György Aczél – bei uns unverzüglich ins nasse Leintuch gewickelt. Eine Anerkennung, die von dort kam, diente als Beweis dafür, daß besagte Personen mit den Imperialisten unter einer Decke steckten. Mit Hilfe dieser bequemen Diffamierungs-Methode sahen sich die Herrschenden von den Mühen jeglicher Argumentation entbunden.

Inzwischen hat sich die Welt verändert: Heutzutage gereicht es zur Ehre und Anerkennung, wenn der Westen von uns eine gute Meinung hat. Wenn uns drüben jemand von der Presse oder gar ein Politiker auf die Schultern klopft, brechen wir vor lauter Rührung in Tränen aus. Durch diesen neuen Reflex sind wir wieder von Argumenten und vom kritischen Denken befreit, wie auch früher, als der Reflex entgegengesetzt gelagert war.

In den vergangenen Wochen schwammen wir im Glück: Die westdeutschen Zeitungen und die führenden westdeutschen Politiker nannten uns human, weil wir ihre Landsleute aus der DDR zu ihnen herausgelassen haben. Die Presse der BRD, die bestenfalls nur kurz darüber berichtet, daß die BRD jene, die aus Rumänien kommen, nach Österreich zurückschickt – ausgenommen, sie haben vorweisbar deutsches Blut in den Adern –, diese Presse lobt uns in Sachen Flüchtlinge. Obwohl doch die, die aus Rumänien kommen, größtenteils als politisch Verfolgte angesehen werden müssen und im Falle einer weiteren Abschiebung jeder einzelne damit zu rechnen hat, noch an der Grenze halb totgeschlagen zu werden.

Wir bekommen unsere guten Noten von Leuten, in deren Land das Flüchtlingsrecht selbst iranischen Soldaten nicht zuerkannt wird, und zwar mit der Begründung, daß jedem Staat das souveräne Recht zusteht, eine militärische Streitkraft zu unterhalten, und wer sich von dieser Pflicht befreien will, sich nicht gegen politische Unterdrückung auflehnt, sondern den Staat an sich beleidigt. Die Richter der BRD haben – obwohl einige, verschwindend wenige, sich in der Presse darüber empörten – verschiedentlich Flüchtlinge in solche Länder zurückgeschickt, wo die Heimgekehrten, abgesehen vom möglichen Todesurteil, Folterverhöre erwarteten.

Damit will ich sagen, daß ich mich nicht ungetrübt freuen kann, wenn man uns in Sachen DDR-Flüchtlinge allzu viel lobt. In den alten, guten, stalinistischen und poststalinistischen Zeiten hat der Westen einstimmig die Aufhebung unserer Reisebeschränkungen gefordert. Jetzt, da es für uns – und mehr oder minder auch für die Polen – soweit ist, bekommen wir vom Westen Applaus und zugleich neuartige Einschränkungen. Wenn wir keinen notariell beglaubigten Einladungsbrief vorzeigen können, dürfen wir nach Frankreich nur einreisen, wenn wir 200 Franc pro Tag mitführen. In der Schweiz sind hundert Schweizer Franken pro Tag erwünscht, und auch die Spanier bestehen auf einer Summe mit dem etwa entsprechenden Wert.

Überdies können diese beiden Länder auch die Ausfuhrgenehmigung der ungarischen Nationalbank nicht entbehren, wodurch sie also nicht nur das Geld, sondern sogar die Einhaltung der törichten ungarischen Devisenbestimmungen kontrollieren. Aus sicherer Quelle weiß ich, daß die Länder des Gemeinsamen Marktes sich gegenwärtig um eine zukünftige Visumbestimmung bemühen, die unsere Reisen formell zwar erleichtern würde – da man, sobald das Visum eines EG-Landes vorliegt, in alle anderen zugehörigen Länder einreisen darf. Dabei aber werden recht hohe Geldsummen verlangt, die an den jeweiligen Grenzen kontrolliert werden.

Wenn diese neue Regelung zustande kommt, wird sie eine doppelte Diskriminierung hervorrufen, denn sie wird weltweit nur bestimmte Länder treffen, unter diesen natürlich jene, deren Kosename „sozialistisch“ heißt, und innerhalb dieser Länder trifft es wiederum nur die Armen, die keine Möglichkeit haben, sich ausreichend Auslandsdevisen zu beschaffen. „Reisefreiheit fordern wir“, rief der Westen früher nach Osten hinüber; jetzt fügt er hinzu „für die Reichen“. Er ruft mit verhaltener Stimme, doch müßten wir diese aus dem Chor der Lobeshymnen heraushören.

Der Schriftsteller István Eörsi, 1931 in Budapest geboren, wurde 1956 wegen Teilnahme am ungarischen Aufstand verhaftet und zu acht Jahren Gefängnis verurteilt. Eörsis Text wurde von Zsuzsanna Gahse übersetzt.