ARD, 9. bis 16. November: Tagesthemen

Die Geschichte ist los. Während die Berliner Mauer birst und das DDR-Volk durch die Breschen tobt, werden die Tagesthemen zur Frontberichterstattung. Hajo Friedrichs, der Fernseh-Nation vertraut als Grandseigneur der news in Silberhaar und Sakko, ist am Montag in Leipzig vor Ort, trägt Trench und zitiert Momper: "Das Herz Berlins beginnt wieder zu schlagen." Hunderttausende sind in Leipzig auf der Straße und fordern freie Wahlen.

Am Mittwoch berichtet der Silberhaarige in Schal und Wintermantel direkt vom Brandenburger Tor. Es heißt, die Öffnung erfolge bald, aber leider dann doch nicht während der Tagesthemen. Eine Menschenmenge harrt zusammen mit dem internationalen Fernsehen des großen Moments und gibt zu Protokoll: "Ich will die Mauer fallen sehen. Das geht ja wohl in die Geschichte ein. Da will ich dabeigewesen sein." Aus Mannheim kommt man angereist, um später den Enkeln ... "Reisen bildet", sagt Friedrichs und: "Es ist lausekalt in Berlin." Er bringt’s eben immer, ob im Studio oder vor der Mauer.

Gilt das auch für "den Kommentar", der zu den Tagesthemen dazugehört wie der Dorn zur Rose? Heinz Burghart (BR) fürchtet sich am 10. November vor der Invasion der Zonis: "Müssen nicht auch wir wünschen, daß der Zustrom versiegt?", katzbuckelt aber brav vor der Größe der Zeit: "... wird in Erinnerung haften". So wie er lieben es die meisten Kommentatoren dieser Woche, ihren klammen Gefühlen, ihrem Dünkel und ihrem schlechten Gewissen zugleich freien Lauf zu lassen. Ernst Elitz (SWF) drischt am Sonntag erneut höchst kühn auf die SED ein: "... noch nie so viele Opportunisten auf einem Haufen gesehen" (wirklich nicht?) und fordert im selben Atemzug generös die Hilfe des Westens ein. Michael Zeiss (SDR) weiß am Mittwoch, daß es da drüben wirtschaftlich bürokratisch zugeht: "Die zahlen mit Bettfedern ..." Und dann zitiert er Lothar Späth: "Nicht den Lehrmeister spielen!" Solche Eigentore kommen vor, wenn die Zeiten beben.

Wann hat das alles begonnen? Am 9. November, einem Tag, der Aussicht hat, zum neuen Nationalfeiertag aufzusteigen. Was macht die ARD, beziehungsweise die Redaktion der Tagesthemen, respektive "die Schaltkonferenz", die Thema und Verfasser des Kommentars festlegt, an diesem historischen Datum? Sie schaut auf Berlin und entdeckt Günther von Lojewski, dortselbst seit kurzem SFB-Intendant auf CDU-Ticket, vom Sender nicht gewollt, von der Geschichte offenbar erst recht nicht herbestellt. Dieser Mann hockt sich vor die Kamera, setzt eine Leichenbittermiene auf und gibt uns zu verstehen, daß die DDR am Ende sei, "eine Ruine", daß "Freiheit nicht teilbar" sei, insbesondere, wenn die Versklavten wüßten, was das ist, weil sie nämlich via Westmedien in "volle Schaufenster" schauten.

Ungerührt starren seine fest vernähten Knopfaugen vom Bildschirm herab, während die Stimme eine Keule des Kalten Krieges nach der anderen schwingt – bis hin zur Gleichsetzung des SED-Regimes mit der Nazi-Herrschaft: Die Menschen drüben seien "vierzig Jahre länger der Unfreiheit" ausgesetzt gewesen. Zum Schluß dann der obligatorische Bumerang, diesmal: "Kein Anlaß zur Häme." Und das, während sich "die Menschen" umhalsen und auf der Mauer tanzen.

Da sieht man, wohin es führt, wenn einem Sender ein Intendant oktroyiert wird, der weder zu dieser enormen Stadt noch zum Fernsehkommentar als solchem eine tiefere Beziehung hat. Die Geschichte klopft an die Tür, und anstatt "Herein!" sagt da jemand: "Wir geben nichts."

Barbara Sichtermann