Zum ersten Mal debattiert die Volkskammer der DDR über eine Regierungserklärung

Von Gunter Hofmann

Berlin/DDR, im November

Gegen den Strom kommt man als einsamer Fußgänger kaum an. Hunderte von Besuchern aus Berlin (Ost) zwängen sich schon in aller Herrgottsfrühe durch den Grenzübergang in den Westen.

"In dieser Richtung?" fragt der Grenzpolizist vergnügt. "Kann ich Sie irgendwie davon abhalten?" Dann sieht er die Pressekarte für die Volkskammersitzung: "Ach so, Sie müssen!"

Es ist wirklich über Nacht vieles ganz anders geworden, sogar Sitzungen der Volkskammer machen neugierig. Weiß man denn, was dort geschehen kann, seitdem sich am Montag voriger Woche unter den Abgeordneten ein Wust von Emotionen, Anklagen, Zorn, Bitterkeit entlud?

Live ausgestrahlt vom Fernsehen, konnten die Bürger sehen, wie sich die Alten – Willi Stoph, Horst Sindermann, Erich Mielke – rechtfertigten, Verantwortung nach "oben" abwälzten oder klagten, doch immer nur alle geliebt und alles gutgemeint zu haben. Erleben konnten sie auch den Offenbarungseid: das Eingeständnis, daß der Staat mit 120 Milliarden Mark in der Kreide sitzt.