Vier Tage lang hielt die Auszählung der ersten freien Präsidentschaftswahl nach 29 Jahren Brasilien in Atem. Daß keiner der 21 Kandidaten gleich im ersten Wahlgang eine absolute Mehrheit erringen würde, war vorher klar. Spannend war nur die Frage, welche beiden Bewerber sich für den Endlauf am 17. Dezember qualifizieren würden.

Erst mit den letzten Urnen aus den entlegensten Weilern im Bergland von Minas Gerais fiel die Entscheidung. Das Duell lautet nun: Fernando Collor de Mello gegen Luis Inacio Lula da Silva; der smarte Provinzpolitiker gegen den bärtigen Arbeiterführer, der 40jährige Formel-1-Fahrer gegen den 44jährigen „Kapitalistenfresser“. Auf der einen Seite steht der Sohn aus einer alten Aristokratenfamilie, der junge Mann mit guten Manieren und verschwommenen politischen Vorstellungen, auf der anderen Seite der ungehobelte Metallarbeiter und Sozialist. Diese Alternative ist bezeichnend für den raschen sozialen Umbruch, der das Schwellenland Brasilien in den vergangenen drei Jahrzehnten erfaßt hat.

Vorbei sind die Zeiten, als Plantagenbesitzer ihren Untertanen mit schönen Worten und kleinen Geschenken politischen Gehorsam vorschreiben konnten. Gebrochen ist auch die Macht der Gouverneure und Parteipatriarchen. Die durch Medien und Verkehrswege vernetzte Nation läßt sich nicht mehr nach Gutsherrenart lenken.

Eigentlicher Verlierer dieser Vorwahl ist die politische Klasse Brasiliens, die Heerschar der Honoratioren und Winkeladvokaten, die dazu beigetragen haben, die Nova Republica im Rekordtempo in einen Sumpf von Korruption und Vetternwirtschaft zu stoßen. Verloren hat vor allem die Regierung von Präsident Sarney, die in letzter Minute noch versuchte, durch einen eigenen Kandidaten den Ausgang der Wahl zu beeinflussen.

Ein politischer Generationswechsel hat stattgefunden. Nun ist die Stunde der Koalitionen angebrochen. Collor und Lula müssen nach Verbündeten suchen. Beide Bewerber versuchen ihr radikales Profil zu glätten, um ihre Chancen bei den Wählern der politischen Mitte zu erhöhen. Der nächste brasilianische Präsident, heißt er nun Collor oder Lula, muß mit gemäßigten Kräften im Kongreß zusammenarbeiten. Eine Sisyphusaufgabe erwartet ihn. C.G.