Von Fredy Gsteiger

Am Wochenende werden die Schweizeran der Urne entscheiden, ob sie ihreArmee abschaffen wollen. Die Fragewühlt die Gemüter auf. Es geht um einStück helvetischen Selbstverständnisses.Freilich zeigt ein nüchterner Blick in historische Dokumente, daß es um die vielgerühmte Kampfkraft, um die Abschreckungswirkung helvetischer Tapferkeit jahrzehntelang nicht eben wohl bestellt war.

Ein eisiger Januarwind fegte über die schneebedeckten Jurahöhen, als blauuniformierte Soldaten mit Schweizer Kreuz am Ärmel im Schneetreiben an die französische Grenze zogen. Seit Neujahr1871 hatte Oberst Aubert, Kommandant derdie Schweizer Grenze verteidigenden Dritten Division, den Eindruck, daß sich die Lage sehr rasch in einer für die Eidgenossenschaft gefährlichen Weise zuspitzen könnte. Am 12. Januar richtete er ein dringendes Gesuch an die Regierung, den Bundesrat, ihm eine namhafte Verstärkung seiner Truppenbestände zu bewilligen. Doch erst Tage später ließ sich der Bundesrat herbei, mehrere Brigaden in die Jurahöhen zu schicken. Bis sie eintrafen, hatte aber die deutsch-französische Schlacht an der Lisaine bereits begonnen, die sehr wohl auf die Schweiz hätte übergreifen können.

Der schnurrbärtige, über den aus Sparsamkeit zaudernden Bundesrat verärgerte GeneralHans Herzog war sich dessen bewußt: „Es liegt ganz bestimmt in der deutschen Kriegsführungsintention, womöglich die französische Ostarmee in die Schweiz zu werfen und damit unschädlich zu machen.“ Einem Schweizer Gesamtaufgebot von 19 500 Mann standen Feindestruppen von 100 000 im Grenzgebiet gegenüber.

Die 1815 im Wiener Kongreß vereinbarte Schweizer Neutralität hätte um ein Haar ihre Feuerprobe nicht bestanden. Noch 1870 hatte zwar der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck erklärt: „Die Neutralität der Schweiz steht vertragsmäßig fest. Wir haben zur Wahrung derselben durch die eidgenössischen Streitkräfte volles Vertrauen.“ Doch soviel Vertrauen in die eigenen Möglichkeiten hatten selbst die Schweizer Heerführer nicht. Während sie eigenmächtig zusätzliche kantonale Truppenkontingente aufbauten, verlangte die Regierung zu Bern, um Sold und Verpflegung zu sparen, bereits gleich nach der Schlacht an der Lisaine, ganze Einheiten wieder zu entlassen.

Als sich die Schweizer mit dem französischen General Clinchant Anfang Februar über den Übertritt der französischen Einheiten auf eidgenössisches Territorium geeinigt hatten – um sie der deutschen Verfolgung zu entziehen –, mußten 3000 Schweizer Soldaten 90 000 Franzosen im Val de Travers entwaffnen und internieren: die nach ihrem früheren Befehlshaber benannte Bourbaki-Armee. Dieses Musterbeispiel einer Truppeninternierung großen Stils galt noch Jahre nach 1871 als Meisterleistung der helvetischen Armee. Das Bourbaki-Panorama des Genfer Malers Edouard Castres war lange Zeit beliebte Jahrmarktattraktion. Die Schilderung aus der Feder des Generals Hans Herzog belegt indes, daß die Schweizer von Glück reden konnten, es mit einer völlig abgekämpften französischen Armee zu tun gehabt zu haben.

Bitterkeit gegen den Bundesrat und Enttäuschung über die Kriegsvorbereitung der Kantone kennzeichnen den Bericht General Herzogs nach dem Deutsch-Französischen Krieg: „Es sind Übelstände zutage getreten, deren Beseitigung man seit Jahren bewerkstelligt wähnte.“ Von „Verbrechen der Behörden gegenüber ihren Landeskindern und dem Gesamtvaterlande“ ist die Rede; der General rügt Ausbildung, Ausrüstung und Gesundheitszustand seiner Wehrmänner.