Viele nett gemeinte Berlin-Bände sind zum 750. Stadtgeburtstag geschrieben worden: Blumiges („Berlin ist wunderbar“), Selbstverliebtes („Dufte, unser Berlin“), Überschwengliches („Berlin, ich liebe Dich“) oder – immer wieder gern gelesen – Nostalgisches („Berlin, so wie es war“).

Derartige über die Realitäten hinwegschwelgende Werke hatten lange Zeit Konjunktur und waren eher als publizistische Ermunterung der von der Mauer umzingelten „Frontstädter“ denn als wahrhafte Analyse einer diffizilen Metropole zu verstehen.

Doch es ist nicht mehr zu übersehen, daß sich Berlin inzwischen stark gewandelt und mehr an Vitalität dazugewonnen hat als jede andere deutsche Stadt. Die durch Zuwanderung aus West und Ost aufgepeppten Szenen haben Berlin zu einem spannenden Ort gemacht, der jedweden Charakter bedienen kann – Spießer und Aufgeklärte, Angepaßte und Ausgeflippte, Melancholiker und Übermütige. Die Skala von hinreißend bis deprimierend muß jeder im Auge behalten, wenn er über die ehemalige Reichshauptstadt schreibt oder schreiben läßt. Um so erfreulicher: Das Kunststück, möglichst viele und trotzdem typische Facetten anklingen zu lassen, ist der Merian-Redaktion beim kürzlich erschienenen Berlin-Heft (Heft 7/89; 12,80 DM) durch eine kluge Auswahl der Autoren und Bilder gelungen.

„Keine Angst vor Widersprüchen“ mag dabei das Motto der Heftplaner gewesen sein: Man zeigt das innige Verhältnis der Berliner zur Natur und ihre zerstörerische Bauwut. Parklandschaften bekommen wir zu sehen und zu lesen die vertrackte Geschichte der letzten Internationalen Bauausstellung (IBA). Amüsantes (über die Hundehauptstadt und ein neues Literaturtalent) und Abstoßendes (über die Autonomen als Kiezpolizei) wird erzählt.

Kontinuität erleben wir da, wo es keiner mehr vermutet. Die beiden Stadthälften werden nebeneinandergestellt: Als Schwestern, die wider Erwarten alte Familienmarotten bewahrt haben. Das veränderte Merian-Konzept mit der klaren Rubriken-Aufteilung und dem übersichtlichen Informationsteil dürfte das Heft auch für Berliner zu einem nützlichen Stadtführer werden lassen.

Eine erfolgversprechende Premiere der neuen Redaktionsleitung. Dorothea Hilgenberg