Von Kuno Kruse

Der Mord. Gespannt ducken sich die Männer ins Unterholz. Sie halten den Atem an, horchen. Da ist es wieder, deutlich vernehmbar. Ein Stöhnen, mehr ein Röcheln. Sie zögern, es könnte eine Falle sein. Es ist gleich halb eins. Eine Mondfinsternis verdunkelt diese Nacht auf den 5. Juni 1974. Irgendwo unsichtbar vor ihnen liegt ein Waldsee, die Krumme Lanke. Seit 36 Stunden schlägt sich der Trupp bereits durch den Berliner Grunewald: amerikanische GIs auf einer Nachtübung.

Sie pirschen sich vor. An einem Zaun, der die Schonung begrenzt, machen sie eine Gestalt aus. Beim Näherkommen erkennen sie einen Körper, lang auf den Rücken hingestreckt, den Kopf nach hinten geworfen. Die schulterlangen Haare kleben in einer Blutlache. An der rechten Stirnseite klafft eine tiefe Wunde. Die Soldaten holen Sanitäter herbei. Die legen noch einen Druckverband an. Doch für den Mann kommt jede Hilfe zu spät.

Ein Streifenwagen wird gerufen. Eine Stunde später nimmt die Kriminalpolizei den Fall auf. „Der Tote trägt einen spärlichen und rötlichen Oberlippenbart“, protokolliert der diensthabende Kriminaloberkommissar Kleinschmidt, „in der linken Gesäßtasche befand sich ein Personalausweis auf den Namen Ulrich Schmücker.

Ein Mordfall, kein Zweifel. Denn am nächsten Morgen geht bei der Deutschen Presseagentur ein Bekennerbrief zum Mord an dem 22jährigen Studenten Ulrich Schmücker ein. Ein „Kommando Schwarzer Juni“, nach eigenem Bekunden Untergruppierung der Berliner „Stadtguerilla“-Gruppe „Bewegung 2. Juni“, wollte die durch Verrat gestörten „Bedingungen von Produktivkraft und Produktionsverhältnis innerhalb der revolutionären Bewegung wieder ins Gleichgewicht bringen“.

Die Ermittlungen am Tatort laufen offenbar mit gewohnter Routine ab. Hundestaffeln sind im Einsatz, die Bereitschaftspolizei leuchtet den Wald mit Scheinwerfern aus. Sorgfältig, aber vergeblich durchharken fünf Beamte den Sandboden nach einer Patronenhülse. Bei Tageslicht wird der Boden noch einmal zwanzig Meter um den Tatort abgetragen und gesiebt, eine Hülse wird nicht gefunden.

Die Polizei hat soweit alle Sorgfalt walten lassen. Merkwürdig aber ist, daß ein frankierter Brief, den der Beamte aus dem Streifenwagen bei Ulrich Schmücker gefunden und an die Kriminalpolizei übergeben hatte, später nie wieder auftaucht. Im Polizeiprotokoll unerwähnt bleibt auch ein Photograph, der bereits vor Eintreffen der Beamten am Tatort Aufnahmen macht. Es ist „Lucki“ Stark, Berlins beweglichster Photoreporter, in seinem offenen Zweisitzer per Autotelephon immer auf Draht, speziell dem zur Polizei. Lutz Stark, inzwischen verstorben, wußte Freunden gegenüber noch von anderen zu berichten, die auch am Tatort waren: Mitarbeiter des britischen Secret Service, behauptete der Kenner des Polizei- und Geheimdienst-Milieus, seien bereits vor ihm an der Krummen Lanke gewesen.