Von Till Bastian

ISNY. – „Der Supermacht-Dialog beschleunigt sich“, meldete die Titelseite der ZEIT am 29. 9. 1989. Einen Monat später hieß es an gleicher Stelle: „Inzwischen fällt es schwer, Schritt zu halten mit den vertrauensfördernden Entwicklungen.“ In der Tat: Auch Skeptiker müssen anerkennen, daß im Ost-West-Verhältnis eine neue Ära anbricht. Steht zur Jahrtausendwende der Weltfriede auf der Tagesordnung?

Das Gegenteil ist der Fall. Die in Kooperation mündende Entspannung ist gewiß notwendig, sie ist aber keinesfalls hinreichend für das Aufdämmern friedlicher Zeiten. Wer das vergißt, gleicht dem Mann, der Eiswürfel in den siedenden Kessel wirft, um ihn am Überkochen zu hindern – ein Tun, das kurzen Aufschub bringen mag, aber so lange sinnlos bleibt, wie das Feuer im Herd weiterbrennt.

Und der Brand der Weltkrisen schwelt weiter. Viele Winkel der Weltpolitik werden von der Entspannung gar nicht erreicht. Wenn Amerika und die Sowjetunion ihre weit überdehnten Einflußsphären „auf ein Normalmaß“ zurückschrauben – was ja nicht aus schierem Edelmut, sondern aus den Zwängen ökonomischer Schwierigkeiten heraus geschieht – handeln sie vielerorts nach dem Motto: „Wenn ihr euch schon prügeln müßt, dann künftig ohne uns!“

Bloßer Rückzug ohne einen konstruktiven Nord-Süd-Dialog kann jedoch durchaus destabilisierend wirken. Die wachsenden Probleme der Südhalbkugel, zu denen auch die sich anbahnende ökologische Katastrophe gehört, brauchen nicht abermals aufgezählt zu werden. In dieser Lage kann Disengagement nicht gefragt sein – Weltpolitik bleibt gefordert, auch wenn sie ein neues Gesicht tragen muß.

Wenn auf die destruktive, ressourcenverschleudernde Konfrontation der Supermächte das Machtvakuum folgen sollte, wäre nichts zum Besseren gewendet. Denn das gäbe den idealen Nährboden ab für den Kampf (fast) aller gegen alle. Sollen und dürfen wir uns auf unserer privilegierten Nordhalbkugel und in der „Festung Europa“ verbarrikadieren und mit ansehen, wie „weit hinten, fern ... die Völker aufeinanderschlagen“? Die Waffen dazu haben wir den verarmten Völkern des Südens ja überreichlich geliefert. Sie sind wohl das einzige, was dort noch in Hülle und Fülle vorhanden ist.

Aber 1989 gibt es für die Behaglichkeit des faustischen Osterspaziergangs keinen Anlaß mehr. Zu klein, zu verletzlich ist unsere Erde geworden, zu tiefe Wunden haben wir ihr bereits geschlagen. Die Ost-West-Entspannung hätte fatale Folgen, wenn sie uns über den elenden Zustand unseres Heimatplaneten hinwegtäuschen sollte.