Im Juli noch triumphierten jene, die den Frauen das Recht bestreiten, über eine Abtreibung selbst zu entscheiden: Der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten hatte gerade dieses bislang verfassungsmäßig garantierte Recht drastisch eingeschränkt Nun sei es nur noch eine Frage der Zeit, bis der Schwangerschaftsabbruch in Amerika überhaupt verboten werde, hieß es. Präsident George Bush forderte einen entsprechenden Verfassungszusatz und ließ wissen, daß er schon über das Strafmaß für abtreibungswillige Arzte nachdenke.

Kaum vier Monate spater sieht es so aus, als hatten republikanische Politiker und die Fanatiker von Operation Rescue die Frauen ihres Landes und die demokratische Opposition unterschätzt. Als am 12. November die Pro-Choice-Gruppen (Organisationen, die für das Recht der Frauen auf freie Entscheidung kämpfen) zu einem nationalen Mobilisierungstag aufriefen, gingen über 300 000 Manner, Frauen und Kinder auf die Straße. "Es blast ein neuer Wind von Berlin bis an die Westküste Amerikas", verkündete der Reverend Jesse Jackson in Los Angeles pathetisch, "die Schwingen der Hoffnung beleben die Welt, Mauern fallen – nicht nur in Berlin, in Ungarn und Polen, sondern auch in Virginia, in New Jersey und New Haven. Das Volk steht auf."

Aufgestanden ist zunächst einmal die schweigende Mehrheit der Frauen in Amerika, die sich nicht hatte träumen lassen, daß ihre demokratischen Rechte zur Disposition stehen konnten. Nach dem niederschmetternden Beschluß des Supreme Court vom 3. Juli hatten sie geschworen, daß die Politiker, die nichts hören wollten vom Recht der Frauen auf freie Entscheidung, das Resultat bei den nächsten Wahlen spuren sollten. Dank eines gewaltigen Zustroms von Mitgliedern und Geldspenden konnte die Nationale Liga für das Recht auf Abtreibung (Naral) in Virginia und in New Jersey Kampagnen starten, die die Abtreibungsfrage zum wichtigsten Thema der regionalen Wahlen im November 1989 machten. Ihre Strategie, das Thema aus der feministischen Ecke zu holen und für die breite Mittelschicht neu zu formulieren, hat funktioniert. Der erfolgreiche Wahlslogan, der den Konflikt in den Kontext Obrigkeitszugriff gegen das Recht auf Privatsphäre stellt, war die schlichte Frage: "Wer entscheidet?" Douglas Wilder, Demokrat und erster farbiger Kandidat für den Gouverneursposten im konservativen Virginia, gewann gegen den Republikaner Marshall Coleman, indem er traditionelle Rhetorik für ein progressives Ziel einsetzte. In einem Werbespot seiner Partei ertönte zu Bildern von Thomas Jefferson der Text. "Douglas Wilder glaubt, daß der Staat sich nicht in Ihr Recht auf freie Entscheidung einmischen sollte. Er will nicht, daß Politiker sich in ihr Privatleben einmischen." Pause. "Lassen Sie es nicht zu, daß Marshall Coleman die Uhr zuruckdreht."

Mit ähnlichen Methoden konnten die Demokraten bei den Bürgermeisterwahlen in New York, New Haven und Seattle Gewinne verzeichnen und den Sieg bei der Gouverneurswahl von New Jersey für sich verbuchen. "Im Herbst 1989 ist die Abtreibungsfrage das Thema der Demokraten, ihre Wahlsiege haben sie den entscheidungsfreudigen Frauen zu verdanken", konstatierte der politische Analytiker William Schneider.

In Los Angeles erklarte ein Redner die Auseinandersetzung um die Abtreibung gar zur Gretchenfrage der Nation: "Diejenigen, die gegen die freie Entscheidung der Frauen votieren, sind auch gegen Amerika. Der Feind sitzt nicht im Osten, wie unsere Regierung uns bisher weismachen wollte. Unsere Feinde sind nicht die Kommunisten, sondern die rechten Idioten in unserer eigenen Regierung. Raus mit der Regierung aus unseren Schlafzimmern, raus aus unserer Unterwasche!"

Die republikanischen Kandidaten von New York bis New Jersey reagierten spat und ungeschickt auf die unerwartete Wende Rudolph Giuliani, der republikanische Gegner von Dinkins in New York, versuchte, in letzter Minute einzulenken Er versprach, im Falle seiner Wahl auch gegen seine persönliche Uberzeugung das Recht auf freie Entscheidung zu verteidigen – nur um sich von Kardinal O’Connor eine Rüge für betrügerisches Verhalten und von den New Yorkern eine Wahlniederlage einzuhandeln.

Der Präsident selbst zeigte eine Art von Flexibilität, die (auch von Republikanern) als opportunistisches Kalkül verstanden wurde. Wahrend er noch im Oktober mit seinem Veto ein vom Kongreß verabschiedetes Gesetz verhinderte, das minderbemittelten Opfern von Inzest und Vergewaltigung staatliche Hilfe beim Abbruch gewahren sollte, fand er am Morgen der regionalen Wahlen im November auffallend milde Tone