Die politischen Ereignisse in der DDR halten die deutsche Börse in Atem. Nicht nur inländische Anleger beschäftigen sich mit der Frage, welche Konsequenzen sich für westdeutsche Unternehmen aus der sich anbahnenden Hilfestellung der Bundesrepublik für die DDR-Wirtschaft ergeben könnten. Auch Ausländer mischen bei diesen Spekulationen kräftig mit. Da bleiben auch Kursrückschläge nicht aus.

Sie resultieren hauptsächlich aus Gewinnmitnahmenen, die nicht nur von „beweglichen Banckunden“ vorgenommen werden. Glattstellungen gibt es auch bei einigen institutionellen Anlegern. Sie wollen die erzielten Gewinne einsetzen, um die Löcher, die ihnen durch notwendig werdende Wertberichtigungen auf Bestände an festverzinslichen Papieren in diesem Jahr gerissen werden, zumindest teilweise zu schließen.

Tatsächlich scheint der Aktienmarkt zur Zeit am meisten von der Zinsentwicklung bedroht zu sein. Obwohl von verschiedenen Seiten versucht wird, die längerfristigen Perspektiven des Rentenmarktes als günstig darzustellen, hält sich die Anlageneigung in Grenzen. Selbst Renditen, die bei Laufzeiten zwischen zwei und fünf Jahren für Großanleger schon knapp über acht Prozent liegen, rufen keine nennenswerte Nachfrage hervor. Im Gegensatz zu den „Fünf Weisen“ gehen viele Rentenmarktexperten für 1990 von einer höheren Inflationsrate als den projektierten drei Prozent aus. Sie müßte die Bundesbank zwingen, die Geldzügel straff zu halten.

Bemerkenswert gut hat der deutsche Kapitalmarkt bisher die große Zahl der Kapitalerhöhungen verdaut. Das gilt auch für Daimler, wo allerdings der Aktienkurs wegen der Kapitalaufstockung schon im Vorfeld deutlich reduziert worden war. Daß Daimler an der DDR-Hausse keinen Anteil hat, liegt auf der Hand. Einmal ermuntert die stagnierende Gewinnsituation nicht zu zusätzlichen Käufen, zum anderen werden die Perspektiven für das Volkswagenwerk als günstiger angesehen, das zudem in den letzten Tagen für 1989 einen Rekordabschluß angekündigt hat.

Daß Siemens die Dividende für 1988/89 aufgestockt hat, war für die Börsianer keine Überraschung. Allerdings kam die Anhebung um 1,50 auf 12,50 Mark unerwartet. Dies und die Aussicht, daß Siemens in die Modernisierung des maroden DDR-Telephonnetzes eingeschaltet werden wird, ließ die Siemens-Aktie im Kurs steigen.

Obwohl in der Chemie weltweit das Wachstum nachzulassen scheint, sorgten Kaufaufträge aus dem Ausland bei den Papieren der deutschen Großchemie für Kursstabilität. K.W.