Von Jochen Steinmayr

Nur zu verständlich, daß es einen Philosophen juckt, das weltbewegende Gedankengut des sowjetischen Staats- und Parteichefs zum politischen System zu ordnen – zumal wenn sich der Autor im Marxismus-Leninismus zu Hause fühlt. Doch ist der Berliner Universitätslehrer W. F. Haug vorsichtig genug, sein akribisches, umfangreiches und gut dokumentiertes Unterfangen einen Versuch zu nennen, denn noch ist bei Gorbatschows umstürzlerischen Taten noch kein Ende abzusehen. Alles ist noch im Fluß, hält uns in Atem und läßt uns um einen glücklichen Ausgang zittern.

Der Autor darf sich von Gorbatschow ausdrücklich ermutigt wissen, der mehrfach betonte, es gäbe ohne revolutionäre Theorie keine Umgestaltung. „Einer solchen Aufgabe ist nur eine Partei gewachsen, die die Methoden der wissenschaftlichen marxistischen Analyse beherrscht.“

Noch ehe in der Sowjetunion Gleiches oder Ähnliches angepackt wurde, unternimmt es ein deutscher Wissenschaftler: Wolfgang Fritz Haug setzt mosaikartig aus Äußerungen und Texten seines Protagonisten, aber auch aus sowjetischen Zeitungsartikeln und Kommentaren westlicher Kreml-Beobachter ein umfassendes Theorie-Bild der großen Wende im Osten zusammen, indem er aus seinem Material extrahiert und es systematisiert.

Haug ist sich der Fragwürdigkeit seiner Analyse nach Sachkomplexen bewußt, die, handelte es sich um Geschichtsschreibung, nicht berichtet, was gewesen ist, sondern was Aufregendes gerade geschieht und weiter geschehen wird.

Schon im Vorwort schützt der Autor seinen charismatischen und medienwirksamen Helden davor, als solcher zu erscheinen. Nicht ein Mann mache da Geschichte, auch wenn er als Gestalter umwälzender Politik auftrete und als deren Kommunikator, nein, Gorbatschow negiere mit Nachdruck alleinige Urheberschaft an Glasnost und Perestrojka. Er verkörpere weit mehr als seinerzeit Lenin das Prinzip des Kollektivs.

Erfahrene Wissenschaftler, Schriftsteller, Politiker und Publizisten arbeiteten ihm zu, die zum Teil schon seit Jahrzehnten den historischen Moment des Ausbruchs aus der finsteren Stalin-Zeit vorbereitet hätten. „Anders als im Kollektiv kann in die Sowjetgeschichte mit Hoffnung auf eine Wiedergeburt des Sozialismus nicht eingegriffen werden“, sagt Gorbatschow. Wieso eigentlich? Die Geschichte belehrt uns eines Besseren, siehe Napoleon, siehe Lenin, siehe auch Hitler.