Vor einer Epicerie Buvette, blicken zwei alte Frauen in leere Weingläser: Relikte aus einem verwinkelten Paris, wie es der französische Photograph Eugene Atget in ganz ähnliche-Weise zu Beginn dieses Jahrhunderts in Tausenden von Motiven verewigt hat. Indes stammt diese Aufnahme aus dem Jahre 1938.

Im Auftrag des amerikanischen Magazins Lift war Fritz Henle ein Jahr vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs in die Seine-Metropole gereist, nicht nur um die Tage und Nächte der Bohème photographisch zu belauschen. Vielmehr ging es dem Photoreporter darum, in einer wirtschaftlich wie politisch heiklen europäischen Phase das möglichst authentische Gesicht der französischen Hauptstadt-Bevölkerung mit der Kamera zu entdecken. Redaktionelle Querelen mit dem Massenmagazin Life vereitelten die Veröffentlichung des umfangreichen Bildmaterials. Erst 1944, als Charles de Gaulle in Richtung Paris unterwegs war und sich das Ende des NS-Regimes abzeichnete, griff die New York Times mit Interesse zu Drei Jahre später folgte die erfolgreiche und schnell vergriffene Buchversion. Zum achtzigster Geburtstag des immer noch agilen Photographer ist bei uns wieder eine repräsentative Auswahl der Parisaufnahmen des Photographen greifbar.

Auch mit dem Namen des 1909 in Dortmunc geborenen Fritz Henle verbindet sich der folgenschwere Exodus des deutschen Bildjournalismus in den dreißiger Jahren, denn nicht nur bereits anerkannte Größen wie Alfred Eisenstaedt oder Felix H. Man verließen das propagandistisch vergiftete Pressewesen des NS-Staates. Henle ging 1936 in New York an Land, arbeitete überwiegend als freier Bildjournalist und wurde 1942 amerikanischer Staatsbürger. Die Bildergebnisse aus jenen zwei Wochen im Juli des Jahres 1938 charakterisieren Henle als einen Flaneur mit der Kamera. Wie der Drehorgelspieler mit dem Affen zieht er über die Boulevards und durch die Peripherie der kleinen Leute. Seine Bildwelten sind durchweg harmonisiert, erfassen Ruhezonen und Alltagsnischen, in denen vor allem die Kleindarsteller des Pariser Alltags für oft nur wenige Augenblicke einer banalen Kunst des Müßiggangs nachgehen. Ganz offensichtlich wird hier ein Paris-Mythos relativer Zeitlosigkeit bedient, ohne den wir wohl auch fünfzig Jahre danach nicht leben mögen. Selbst die sogenannten sozialen Randfiguren – Clochards, Bettler und Arbeitslose – liefern den pittoresken Zuckerguß für ein atmosphärisch dichtes Paris-Portrait.

Die Intention des Photographen, eine Art Exilanten-Klima erfassen zu wollen, dem anzumerken war, daß „der Zweite Weltkrieg bereits vor der Tür stand“, ist nur schwer nachvollziehbar. Weder Demonstrationen, noch militärische Aufmärsche geben Henle Veranlassung, den Kamerasucher zu politisieren: Vielmehr gilt das Interesse des Photographen am 14. Juli des Jahres 1938, dem Nationalfeiertag, einer drallen Chansonette vor einem der Cafés auf den Boulevards. Roland Groß

  • Fritz Henle:

Paris vor 50 Jahren

Edition Brans, Heidelberg 1989; 132 S., Abb., 68– DM