Es war eine rauschende Ballnacht, hieß es unisono. Waren wir am falschen Ort zur falschen Zeit? Hatte der 38. Bundespresseball doch schon tags zuvor stattgefunden, wie eine Koblenzer Zeitung meldete? Wie auch immer – es war allenfalls eine rauschige Ballnacht, hicks! Aber es muß sich wohl um das angeblich wichtigste gesellschaftliche Ereignis in Bonn gehandelt haben, denn (fast) alle Adabeis waren da: Granden aus der Welt der Politik und des Sports, Sternchen aus dem Showbusiness, Meister der Metzger- und Medienzunft, Exzellenzen und Exaltierte ohne besondere Profession. Und Frau Höhler, die Literaturprofessorin, war tatsächlich honorarfrei gekommen.

Umdrehen wg. allzu menschlicher Sottisen im Ball-Almanach mußte diesmal keiner (vor zwei Jahren war der SWF-Intendant Willibald Hilf daheim geblieben, weil darin etwas über seine verflick-sten Nehmerqualitäten gestanden hatte); passen wg. Peinlichkeit mußte auch niemand (wie der Ex-Bundestagspräsident Philipp Jenninger im Vorjahr aufgrund seiner gänsefüßchenlosen Rede vor dem Hohen Haus); die Absenz der CSU-Quertänzer, die auf ihrem Parteitag in München grantelten, haben nur die Bierzapfer beklagt. Vermißt hat die High-Society eigentlich nur die First Lady. Aber selbst die Klatschkolumnisten waren sich anderntags nicht einig, ob Marianne von Weizsäcker durch einen Hexenschuß oder durch Magenbeschwerden verhindert wurde.

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Wir waren wieder einmal dabei – und haben wieder einmal das Wichtigste versäumt. Zum Beispiel wie der Kanzler seine Getreuen freudig in die Arme schloß. Oder wie Möllemann herzhaft in eine Trompete des Schopen Jazz Orchesters stieß. (Schade, da hätten wir endlich etwas Wohlklingendes aus dem Munde des Bildungsministers vernommen.) Oder wie dieselben Musikanten dem Walter Momper zwanzig Mark Begrüßungsgeld schenkten. Aber im Saale haben wir den Regierenden Bürgermeister von Berlin dann bewundern dürfen: Wie er da mit seiner Anne über das Parkett zirkelte – so glücklich hat man keinen zweiten an diesem Abend tanzen sehen. Auch vor den TV-Kameras war der neue shooting star der Sozialdemokraten der Gefragteste. Thema: Natürlich die versteinerten Verhältnisse drüben, die das Volk zum Tanzen gebracht hatte. Auch frei phantasierende Bild-Kollegen trugen dazu ihren Anteil bei und erzählten, daß sich Günther Mittag erschossen habe. Sogleich schwappte das üble Gerücht auf die Nebentische über.

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Was sonst geschah? Genosse Ehmke glänzte mit wilden Witzen, Udo Lattek beriet sich mit Helmut Kohl, wie man die SPD beim nächsten Bundestagswahlkampf schwindlig spielen könne, Petra Schürmann im Tigerlook sah Hans-Dietrich Genscher beim Foxtrott so tief in die Augen, daß dies gewiß homöopathische Wirkung auf den soeben genesenen Außenminister hatte. Rita Süssmuth fiel nach Meinung der Expertinnen durch ein extrem unglückliches Kostüm auf.

Überhaupt das Outfit: Die Herren erschienen samt und sonders im pinguinesken Aufzug (Einheitsschwarzweiß), die Damen in bonbonbunten Hüllen (suchardviolett, trabitürkis, puppenrosa, postautogelb). Machos dachten bei ihrem Anblick an Pralinenschachteln, Softies an wandelnde Altardecken.