Von Marlies Menge

Sein Lada ist bunt. „Wir bleiben hier, wir bleiben dran, bleib auch Du in der DDR“ ist in grellen Farben auf den Lack gemalt. An der Antenne wehen grüne Bänder, Zeichen der Hoffnung. Auf der anderen Seite des Autos ist zu lesen, für wen Uwe Jahn wirbt, für die Initiativbewegung Demokratie Jetzt, also für eine der vier neuen Gruppierungen, die Opposition in Basisdemokratie einüben: Demokratie Jetzt und das Neue Forum als Bürgerinitiativen, Demokratischer Aufbruch und SDP als Parteien. Die Neuen sind Anfänger im politischen Geschäft, manche ihrer Ziele klingen noch verschwommen, sie lernen Laufen, im Gespräch mit den Menschen, auf großen Demonstrationen und in vollen Kirchen, aber auch in kleinen vertrauten Gruppen.

Uwe Jahn ist Konstruktionschef bei VEB Stern-Radio, einem Betrieb mit 3000 Angestellten, die HiFi-Anlagen herstellen. Als er vor Wochen hörte, daß sich neue Gruppen für Reformen einsetzen, besorgte er sich deren Papiere. Demokratie Jetzt habe ihm gefallen, weil es keine Partei sein will und die Initiatoren an manchen positiven Seiten des Sozialismus festhalten wollen. Er hat die Papiere im Betrieb verteilt, ist mit zwanzig Kollegen zu einer Informationsveranstaltung in die Gethsemanekirche gegangen. Bei der großen Demonstration Anfang des Monats waren sie mit 26 Schautafeln und vier Transparenten dabei. An vielen Ecken im Betrieb, an zwei Seiten einer neuen Litfaßsäule hinterm Betriebstor hängen Papiere von Demokratie Jetzt, Aufrufe, das neue Informationsblatt. Nun aber müßten sie aus der Zeit des Vorstellens heraus, findet Jahn, Betriebsprobleme angehen, zum Beispiel das ihrer Existenzberechtigung: Was Stern-Radio baut, wird im Westen billiger und besser hergestellt.

Seine Gruppe trifft sich bei ihm im Büro, gemeinsam überlegen die sechs Männer ihre nächsten Schritte: Unterschriften sammeln für einen Volksentscheid über eine Verfassungsänderung, die der SED den Führungsanspruch nehmen soll, eine Demonstration im Betriebshof in der kommenden Woche. Sie wollen Mißstände, Verantwortungslosigkeit, Machtmißbrauch kritisieren, bessere Information verlangen. Man müsse es den Arbeitern ermöglichen, sich als Eigentümer des Betriebes zu fühlen, vielleicht durch Gewinnbeteiligung. Leistung müßte mehr belohnt werden, Faulheit mehr bestraft, zur Not durch Kündigung. Sie fragen sich, ob die DDR-Wirtschaft auf Dauer nicht nur durch Verflechtung mit westlicher Industrie zu retten sei, mit Hilfe westlichen Kapitals, neuer Leitungsmethoden.

Nach der Öffnung der Grenze ist die Wirtschaft mehr als bisher das Thema, ist es auch in der renovierten Dorfkirche von Christinendorf, wo der Pfarrer des Ortes, Steffen Reiche, nach dem abendlichen Fürbittgottesdienst vor dreißig Menschen über die SDP redet, deren Pressesprecher er ist. Er packt Statute und Beitrittserklärungen aus. Was denn die SDP unter Marktwirtschaft verstehe, fragt einer, er nämlich verstehe darunter Angebot und Nachfrage, knappe Wohnungen würden also teuer. Die Sozialdemokraten der DDR wollen statt Subventionen Zuschüsse, wird ihm erklärt, Zuschuß zum Lohn. Vor mir meldet sich ein weiterer Vertreter der SDP: Gesetze müßten dafür sorgen, daß die Marktwirtschaft sozial und ökologisch vertretbar bleibe. Eine Frau sagt, viele Artikel seien überteuert: Ein Pullover koste 220 Mark. Da könne Geld eingespart werden. Der SDP-Mann sieht Sparchancen, wenn die vielen, die nicht produktiv arbeiten, die Parteisekretäre und Funktionäre, wegrationalisiert würden. Ein älterer Mann erzählt, er sei am Dienstag in West-Berlin gewesen, da kochten sie auch nur mit Wasser: „In einem Restaurant haben sich zwei Kellner unterhalten, ohne sich um die Gäste zu kümmern – genau wie bei uns. Aber bei denen in den Betrieben ist immer was da zum Arbeiten, die gehen nicht einkaufen während der Arbeitszeit.“ – „Warum gehen wir denn während der Arbeitszeit einkaufen?“ fragt eine Frau und gibt selbst die Antwort: „Weil es später in den Läden nischt mehr gibt.“ Ein Mann ärgert sich, daß sie für Devisen ihre Produkte unter Wert verkaufen: „Ein Ei für zwei Pfennig – wo gibt’s denn das?“ Eine junge Frau mit kesser Frisur und Kapuzenmantel fragt, ob die SDP denn genügend fähige Leute habe, um nach einer für sie erfolgreichen Wahl den Staat zu regieren. Ein junger Mann antwortet ihr, das sei wie bei einer Schwangerschaft; sie seien noch in der vorgeburtlichen Phase. Und dann erzählt er von einem Gespräch mit dem Meister einer Sonderbaubrigade, die jetzt im Land herumreist, um Heime und Häuser hoher Funktionäre „volksfähig“ zu machen. Sie reißen Thermofenster heraus und besonders aufwendige Heizungen, die sie auf den Müll schmeißen. Wo das nicht geht, weil die Öffentlichkeit es mitkriegen würde, werden einfach Türen von zu aufwendigen Räumen zugemauert. Ein kräftiger Mann im Anorak sagt: „Ick wollte mal hören, wie det mit der Wiedervereinigung is’. Ick wär’ dafür.“ Jemand erzählt mir später, er verhalte sich immer wie die Mehrheit in seinem Dorf: „Wenn die kuschen, kuscht er auch, sagen die ‚hm‘, sagt er auch ‚hm‘. Wenn der jetzt für die Wiedervereinigung ist, ist die Mehrheit im Dorf dafür.“ Der SDP-Sprecher redet vom „Miteinander lernen“, will nicht vereinigt, sondern nur eng verbunden mit denen aus dem Westen leben, in Europa/DDR.

Der Ingenieur Friedemann Ehrig, Mitglied der Wittenberger Gruppe des Demokratischen Aufbruchs, hat sich notiert: „Seit meiner Kindheit träume ich von der Wiedervereinigung. Jetzt, wo sie vielen nur noch ein formaler Akt zu sein scheint, halte ich sie nicht mehr für erforderlich. Die Mauer wird zunehmend eine Sache der Denkmalspflege. Im Wirtschaftlichen kann man nicht durch einen Vertragsakt aufholen, was in vierzig Jahren vertan wurde. Wir sind in Gefahr, die Befreiung von der Parteidiktatur an die Wirkungsgesetze des Geldes zu verlieren. Ist unser demokratisches Bewußtsein schon stark genug, den Verlockungen des schnellen Konsumierens zu widerstehen? Was wir brauchen, ist ein rechtlicher und politischer Angleichungsprozeß an fortgeschrittene europäische Normen. Wir sollten diesen Weg in Selbstbestimmung gehen und dabei ohne unnötigen Stolz wohlgemeinte Hilfe annehmen. Das Ziel sollte gleichberechtigte Partnerschaft in einem regionalisierten Europa sein.“

Wir sitzen im Wohnzimmer des Wittenberger Pfarrers Friedrich Schorlemmer, eines der Initiatoren des Demokratischen Aufbruchs. Im Demokratischen Aufbruch sind viele jener Pfarrer und Laien vertreten, die in der ökumenischen Versammlung „Für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“ mitgearbeitet haben, deren Papiere ihnen Grundlage für ihr Programm sind. Die Regierungserklärung von Hans Modrow hat den Wittenbergern gefallen. Der Lehrer Lothar Löber sagt, er sei erstaunt gewesen über die Sachlichkeit und den Realitätssinn der Erklärung. Die anderen stimmen ihm zu, Friedrich Schorlemmer bemängelt, daß die drohende ökologische Katastrophe in der Erklärung nicht vorkomme. Friedemann Ehrig meint: „Ich habe immer gesagt, das Ganze ist wie ein dreibeiniger Tisch: ökonomisch, ökologisch, sozial muß die Gesellschaft sein. Wenn eins davon fehlt, kippt der Tisch um.“