Von Christoph Bertram

Moskau, im November

Auf dem Podium in der Säulenhalle des Gewerkschaftshauses, in dem sonst verblichene Generalsekretäre aufgebahrt oder Schachweltmeisterschaften ausgetragen werden, steht ein schmächtiger, etwas steifer Mann in der Uniform eines Kapitäns der Nationalen Volksmarine der DDR: Professor Dr. Scheler, Inhaber des Lehrstuhls für Philosophie an der Militärakademie "Friedrich Engels" in Dresden. Zusammen mit einigen anderen, darunter auch westlichen Fachleuten ist er nach Moskau gekommen, um auf Einladung der Kaderschule für Politoffiziere in der Roten Armee, der Lenin-Akademie für Militärpolitik, über "Militärpolitik und Neues Denken" zu diskutieren – nicht einmal hundert Stunden nach dem Kollaps der Berliner Mauer.

Dem Dresdener Militärprofessor ist die Erregung anzumerken. "Wir haben eine revolutionäre Krise in unserem Land", beginnt er. "Eine Revolution im Sozialismus für einen besseren Sozialismus ... Man weiß nicht, wie Revolutionen ausgehen." Aber merkwürdig: Die versammelten Redner tun so, als gingen die Ereignisse in der Mitte Europas die Sowjetmacht eigentlich kaum etwas an. Wer wissen will, was Moskau bei den Erschütterungen in seinem traditionellen osteuropäischen Herrschaftsraum empfindet, der stößt auf Achselzucken, greift ins Leere. Es ist, als habe die Sowjetunion sich entschlossen, einfach nicht hinzusehen auf das, was in Osteuropa passiert.

Ein Diplomat berichtet von einem Moskauer Empfang am Tag nach der Maueröffnung: "Ich hatte erregte Gespräche erwartet. Statt dessen schienen alle sehr gelassen, sprachen ausgiebig über das Wetter. Auf die Frage, was denn die Ereignisse in der DDR bedeuteten, antwortete mir ein höherer Beamter des Außenministeriums: ‚Geht es um neuen Ärger in Workuta (wo die Bergarbeiter immer noch streiken)? Nein. Ist es Karabach (die armenische Enklave in Aserbeidschan)? Nein. Geht es um die baltischen Staaten? Nein. Na also. Wir haben doch immer gesagt, wir würden nicht eingreifen.‘"

Auf der jüngsten Sitzung des Zentralkomitees der KPdSU soll es ähnlich gewesen sein. Ein Redner habe erklärt, die vitalen sowjetischen Interessen geböten es, die Wiedervereinigung Deutschlands zu verhindern. Ein anderer habe dies bestritten: Deutschland und die Sowjetunion könnten durchaus zusammenarbeiten. Ein Dritter habe dann, mit Blick auf die Vorstandstribüne, gefragt, ob irgend jemand ihm sagen könne, was denn die vitalen Interessen der Sowjetunion heute seien. Er sei ohne Antwort geblieben.

Da gerät Osteuropa immer stärker in den Sog westlicher Ideen und westlicher Ökonomie, da rumort es immer lauter im Warschauer Pakt – und die Sowjetunion zuckt mit den Schultern. Michail Gorbatschow erklärt zwar, die Wiedervereinigung Deutschlands stehe nicht auf der Tagesordnung; er warnt davor, die "internationalen politischen und wirtschaftlichen Institutionen zu zerstören". Außenamtssprecher Gerassimow ergänzt die kargen Äußerungen des Staatspräsidenten mit flotten Sprüchen. Die politische Antwort Moskaus auf den Wandel in Osteuropa scheint derzeit, ihn einfach hinzunehmen und zu hoffen, irgendwie werde das "sozialistische Lager" schon zusammenhalten.