Manchmal können sie einem schon leid tun, wie sie da durch das fremde Europa gewirbelt werden, von dem sie nur verschwommene Vorstellungen haben und das – gemessen an den Vereinigten Staaten – sich so verwirrend vielfältig präsentiert. Wer wäre den amerikanischen Besuchern nicht schon begegnet, wenn sie einen schnellen Blick in die Drosselgasse oder in den Kölner Dom werfen oder sich für ein Stündchen im Remmidemmi des Hofbräuhauses niederlassen? Dabei glauben sie so ziemlich alles, was ihnen der Reiseleiter erzählt.

Wer in den von Touristen überlaufenen Städten wie Rothenburg ob der Tauber, München oder – neuerdings – auch Frankfurt heimisch ist und von Fremden auf der Straße so manches liebe Mal nach Sehenswürdigkeiten gefragt wird, die er selber so gar nicht kennt, der fragt sich gelegentlich, aus welcher Quelle diese Blitzreisenden ihr Halbwissen beziehen.

Die Antwort darauf fanden wir nun in einem Reisekatalog, der Broschüre "Holidays Europe", die eine amerikanische Fluggesellschaft herausgibt. Beim Durchblättern wird einem schnell klar, welchem Etikettenschwindel die gutgläubigen Besucher aus der Neuen Welt ausgeliefert sind. Nehmen wir nur mal Frankfurt. Da heißt es in der Beschreibung "try the Fressgasse (wine and food district) for a traditional robust German dinner". Der Tourist, der diese Tips ernst nimmt, wird sich in der Freßgass’ allerdings vergebens nach Weinstuben oder Traditionskneipen umsehen. Die hat es hier zwar vor langer Zeit einmal gegeben, inzwischen sind sie aber längst Boutiquen und Pizzerien gewichen.

Nehmen wir noch eine weitere Katalog-Auskunft: Specialty leather goods and shoes are good buys ..." So wird der Reisende auf die Zeil gelockt, wo er dann vergebens versuchen wird, ein Schnäppchen zu machen. Und die befragten Einheimischen werden dumm dastehen, wenn sie den Amerikanern den nächsten Lederspezialladen auf der Kaufhausmeile zeigen sollen.

In der Broschüre wird Mannheim, um ein anderes Beispiel zu nennen, zum "German cultural center" hochgestapelt, der Rheinfall von Schaffhausen liegt plötzlich auf der Strecke zwischen Basel und Köln, und in Dubrovnik werden "warm sand beaches", warme Sandstrände, offeriert.

Nun gut, könnte man sagen, auch die Reisekataloge hierzulande verkünden nicht nur die lautere Wahrheit. Aber allzusehr sollte die Information dennoch nicht an den Tatsachen vorbeizielen. Ich jedenfalls habe mir vorgenommen, Touristen, die mich auf der Frankfurter Zeil nach billigen Lederwaren fragen, auf Portugal oder Marokko zu verweisen.

Gemessen an den Entfernungen, die Amerikaner gewöhnt sind, liegen diese Länder sozusagen gleich um die Ecke herum, und schließlich werden sie in dem zitierten Reisekatalog auch empfohlen. Allerdings ohne den Hinweis auf ,,specialty leather goods and shoes".

Hans-Georg Ungefug